Marys Medicine

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Im Porträt: Der blaue Jude David Lasar • Martin Engelberg und Erwin Javor über Israel nach den Wahlen • Im Gespräch: Österreichs Israel-Botschafter Michael Rendi • Eric Frey über den Fall Madoff und die Folgen (1/2009) Nisan 5769 3,– www.nunu.at Jüdisches Handwerk in Wien:
Neue Serie NU porträtiert jüdische Geschäftsleute
wie etwa den Schuster David Malajev







Liebe Leserin,
lieber Leser!

In den wenigen Monaten zwischen den NU-Ausgaben zu Cha- Helen Liesl Krag, Dänin mit Wiener Wurzeln, setzt die Serie nukka und Pessach hat sich einiges getan. Die unlängst noch über jüdische Museen fort. Sie besuchte für uns das von Daniel so kleine Krise bedroht inzwischen Wirtschaftssektoren und Libeskind symbolträchtig entworfene Haus auf der Insel Schloss- Volkswirtschaften. Und uns alle mit dazu. Die politische Rechte holmen. In diesem NU starten zwei neue Serien, von denen eine verbucht enormen Zulauf, in Deutschland gibt es mehr und mehr durchaus Konfliktpotenzial aufweist. Helene Maimann eröffnet xenophobe Jugendliche, die österreichischen Kids die Reihe „Milchig & Fleischig" mit Mazze. Ach, finden den Schaumschläger Heinz-Christian Strache wird sich da schön streiten lassen über die richtigen ganz toll und in Ungarn marschieren gar schon Zutaten, die Größe der verschiedenen Produkte schwarze Garden. Gute Nacht, Mitteleuropa. Israel und ihre Form. Ihre diesbezüglichen Leserbriefe sind hat gewählt, die Regierung steht und wir alle sind willkommen. Und auch solche mit Rezepten von gespannt darauf, ob sie die Probleme in der Region anderen, typisch jüdischen Speisen. Zur zweiten mit der angekündigten Härte wird lösen können neuen Serie können unsere Leser ebenfalls mit guten oder ob es auf diese Weise nicht eher zu einer wei- Tipps beitragen. Wir werden jüdische Handwerker teren Eskalation kommt, die den alle verschlingenden Helene Maimann und Geschäftsleute in Wien vorstellen und sie bei der Strudel der Gewalt noch verstärkt.
schreibt über Mazzes Arbeit beobachten. Der Beginn gehört David Mala- jev, der ein Schuhmachergeschäft in der Josefstadt In diesen Widrigkeiten des Alltags bedarf es einer betreibt. Wenn Ihnen ein tolles, jüdisches Geschäft intelligenten Ablenkung. Voilà, da ist NU 35 und in bekannt ist, schreiben Sie uns doch einfach.
ihm bester Lesestoff als Seelentröster. Fangen wir mit Kulturmanager Hans Landesmann an. Im Interview, Wie immer empfehlen wir Ihnen auch lesenswerte das Thomas Trenkler in bester NU-Tradition ausführ- Bücher. Hier sei an erster Stelle der Debütroman lich gestaltet hat, erfahren wir von seinen Vermitt- unserer Kollegin Alexia Weiss „Haschems Lasso" lungen zwischen der Musik und ihrem Publikum und erwähnt, den Anna-Maria Wallner rezensiert hat.
Anna-Maria Wallner von jenen zwischen den Fleischproduzenten und den Anita Pollak stellt den Geschichtenband „Auf das porträtiert Alexia Weiss Fleischhauern. Ein weiteres, umfassendes Interview Leben!" des Rabbiners Walter Rothschild vor, der hat Danielle Spera geführt. Sie sprach mit Michael über das Leben jener aussterbenden Spezies berich- Rendi, dem österreichischen Botschafter in Tel Aviv, tet, die Englisch noch mit einem schweren „mittel- der selbst aus einer bekannten Grazer jüdischen europäischen" Akzent spricht.
Textilfamilie stammt und jetzt Israel für sich entdeckt.
Und dann kommen da noch Martin Engelberg und Wir erfahren über seine Kontakte zu Überlebenden Eric Frey und Erwin Javor und Michael Laczynski und der Shoah und wie junge Israelis über Österreich Rainer Nowak und Christian Ortner und Herbert Voglmayr, und sie alle haben an einem NU mitge- schrieben, das bestens geeignet ist, Ihre Stimmung Nina Horaczek traf Wer selbst einer von Unterdrückung bedrohten in finsteren Zeiten aufzuhellen. Am Ende aber steht Minderheit angehört, sollte verstanden haben, dass immer das Gleiche: Der Chefredakteur gibt die man sich solidarisch aller anderen Minderheiten Kontoverbindung für großzügige Beiträge bekannt: annehmen muss. Auch wenn jetzt die Immigranten dran sind, UniCredit Bank Austria (BLZ 12000), Nummer 08573 923 300.
bald werden es wieder die Juden sein. Aber nein, immer findet Soll keiner sagen, wir hätten Sie am Spenden gehindert. Viel Spaß sich einer, der den Hetzern hilft, sich zu kaschern. Lesen Sie den beim Lesen und einen fröhlichen, koscheren Pessach wünscht Bericht von Nina Horaczek über einen solchen Alibijuden, der in mir die alte Weisheit meiner Großmutter wachruft: „Der Herrgott Peter Menasse, Chefredakteur hat einen großen Tiergarten." Zum Schmunzeln ist hingegen das Porträt, das Rainer Nowak Zuschriften an office@nunu.at oder Arbeitsgemeinschaft jüdisches über Oliver Polak geschrieben hat.
Forum: 1011 Wien, Postfach 1479 1·2009 nu 3


mit Grafs Vergleich zu konfron-
tieren. Sie sprach aus, was eigent-
lich SPÖ und ÖVP thematisieren
müssten: Grafs Äußerungen seien
„historisch falsch" und „besonders
schlimm" .

UNS ERSTAUNT
Dass Aribert Heim nicht mehr
unter den Lebenden sein soll.
Jahrelang war er einer der meist-
gesuchten Nazi-Verbrecher. Auch
NU verfolgte ausführlich den Fall
jenes Mannes, den sie dank seiner
grausamen Experimente an KZ-
Insassen „Doktor Tod" nannten.
Nun berichteten das ZDF und die

New York Times nach einer ge-
Ausstellung über Frauen Der dritte Präsident meinsamen, aufsehenerregenden
im Holocuast.
des Nationalrates, Recherche Anfang Februar von
Martin Graf, tritt seinem Tod im Jahre 1992 in Kairo.
UNS GEFÄLLT
Dort soll Heim unter dem Namen
Dass sie multimediale Ausstellung
Tarek Farid Hussein gelebt haben.
„Lichtflecke. Frau sein im
UNS EMPÖRT
Seit 1976 hatte Heim mehrmals
Holocaust" noch bis zum 31. Mai
Dass Martin Graf nach wie vor
Kontakt zu seinem Sohn Rüdiger,
im Nestroyhof im zweiten Wiener
dritter Nationalratspräsident ist
Bezirk zu sehen ist. Sie wurde von
– und vermutlich bleiben wird.
der Gedenkstätte Yad Vashem nach
Graf, Mitglied der schlagenden
neuesten Ausstellungsmethoden
Burschenschaft Olympia, hat sich
konzipiert und macht nun Station
vor seine Mitarbeiter gestellt, die
in Wien. Sie erzählt die Geschichte
bei einem deutschen Neonazi-
von 45 Frauen, die den Nazi-
Versand Utensilien für stramme
Terror überlebten. Im Zentrum
Deutschnationale bestellt hatten.
stehen weniger die leider allzu-
Darunter Lieder mit Liedtexten, die
bekannten und bereits oft dar-
zu grauslich sind, um sie hier noch
gestellten Leidensgeschichten im
einmal wiederzugeben. Als die
Konzentrationslager, sondern die
öffentliche Empörung hoch ging,
Erlebnisse und der persönliche
Ist der NS-Verbrecher Aribert Heim tat- verglich er sich in einem offenen
Blick der Frauen auf Themen wie
sächlich verstorben? Brief auch noch mit dem deut-
Mutterschaft, Liebe, Weiblichkeit,
schen Widerstandskämpfer und
der in der ZDF-Dokumentation
Kreativität und Glaube. Weil die
Hitler-Attentäter Claus Schenk Graf
auch ausführlich zu Wort kommt. Er
Ausstellung alle Sinne anspricht, ist
von Stauffenberg. Er wie auch der
entspräche dem letzten Willen sei-
sie auch für Nachgeborene gut ver-
Hitler-Attentäter kämen aus dem
nes Vaters, indem er erst jetzt sei-
ständlich.
nen Tod bestätige, meinte er dort.
schaftlichen" Lager. Und er wies
Die Fahndung in Österreich und
darauf hin, dass Stauffenberg und
Deutschland läuft dennoch wei-
UNS FÄLLT AUF
seine Gruppe nach dem Attentat
ter, schließlich gelang es ZDF und
Dass Wiens Kulturstadtrat Andreas
vom 20. Juli 1944 für ihre Ideale
NYT nicht, Aribert Heims Leiche
Mailath-Pokorny im April nach Tel
mit dem Leben bezahlt hätten.
zu finden. Erst ein DNA-Test seiner
Aviv fuhr, um dort das 100-jährige
Die Tageszeitung „Der Standard"
sterblichen Überreste kann jene
Jubiläum der Stadt mitzufeiern.
war clever genug, Stauffenbergs
Gewissheit bringen, die viele seiner
NU war dabei – und wird darüber
Tochter, Konstanze von Schulthess,
Opfer so sehr herbeisehnen.
4 nu 1·2009
JÜDISCHE GESCHICHTE FLEISCHHAUEREI UND MUSIK 22 Ein neues Standardwerk NU sprach mit dem Kulturmanager Hans Landesmann über sein Leben JUDEN IN DER TÜRKEI Von Thomas Trenkler Türkische Juden und der Holocaust JÜDISCHER HUMOR Von Mary Kreutzer David Lasar arbeitet für FPÖ-Chef Der deutsche Komiker Oliver Polak ISLAM IN ÖSTERREICH Heinz-Christian Strache witzelt auch über den Holocaust Gottesstaat und Demokratie Von Nina Horaczek Von Rainer Nowak Von Stefan Apfl UNSER MANN IN ISRAEL JAZZ AUS TEL AVIV NU sprach mit Österreichs Botschaf- Die Musikerin Anat Cohen erobert Walter Rothschilds Erinnerungen ter in Israel, Michael Rendi den Big Apple – zu Recht.
Von Anita Pollak Von Danielle Spera Von Herbert Voglmayr TEL AVIV GOES VIENNA EIN SUCHBILD AUF JIDDISCH 47 SERIE JÜDISCHE MUSEEN Die „weiße Stadt" sponsert einen Von Michaela Spiegel Das jüdische Museum in Kopenhagen Strand am Donaukanal Von Helen Liesl Krag LESERBRIEFE, MEDIENSPIEGEL Von Rainer Nowak ÜBER ISRAEL SCHREIBEN Wie ergeht es Kommentatoren, die MADOFF UND DIE FOLGEN MILCHIG & FLEISCHIG eindeutig pro-israelisch schreiben? Bringt die Wirtschaftskrise einen Von Christian Ortner neuen Antisemitismus hervor? Die Logik hinter Lieberman Von Eric Frey Von Martin Engelberg ELEKTRISCHE TRÄUME ZWISCHEN PUMA UND PURIM 16 Ein israelischer Dotcom-Millionär ALLTAGSGESCHICHTEN Eine neuer Club will die jüdische erfindet das Autofahren neu Nicht nur Liechtenstein ist groß Jugendarbeit beleben Von Erwin Javor Von Michael Laczynski Von Martin Engelberg SERIE JÜDISCHES HANDWERK 18 Der Schuster David Malajev ist der Von Peter Menasse und Erwin Javor Schuhtherapeut der Josefstadt Alexia Weiss‘ Debüt Von Peter Menasse Von Anna-Maria Wallner 1·2009 nu 5
David Lasar verlor die meisten seiner Verwandten im KZ. Jetzt macht er in der FPÖ Karriere. Die Frage, die sich alle rund- fahre einer Generation, die durch die schon in den Achtzigerjahren sehr
herum stellen, versteht Da- Shoah in Österreich fast ausgelöscht enttäuscht von der ÖVP, die den bür- vid Lasar am allerwenigs- wurde, der FPÖ bei. 1997 wird er in gerlichen Weg verlassen hatte und ten: Was macht ausgerech- seinem Bezirk, in Wien-Floridsdorf, nur mehr die Großkonzerne und den net ein Jude in der FPÖ? Jener Partei, erstmals für die Blauen aktiv, 1998 Proporz in den Vordergrund stellte deren Vorgängerpartei VdU nach dem unterschreibt er seinen Mitgliedsan- und nicht die kleinen Unternehmer", Zweiten Weltkrieg als Sammelbecken trag in die FPÖ. Bei der Wien-Wahl sagt Lasar. Ähnlich sei dies bei der ehemaliger NSDAP-Mitglieder gegrün- 2005 war er Spitzenkandidat der Frei- SPÖ, „denn bei den Roten gibt es ja det wurde und die bis heute Probleme heitlichen im 21. Bezirk, seitdem ist nur mehr Ausländerpolitik und sonst hat, sich vom extrem rechten Rand er Landtagsabgeordneter im Wiener gar nichts".
des politischen Spektrums abzugren- Rathaus. Über den Nationalsozialis- Der jüdische Freiheitliche wird zen. „Wo hätte ich denn sonst hinge- mus wurde in seiner Familie natürlich gerne als „Alibijude" von FPÖ-Par- hen sollen?", findet Lasar. „Die FPÖ gesprochen, meint der Freiheitliche, teichef Heinz-Christian Strache be-ist doch die einzige Partei, die Politik „aber nicht in allen Einzelheiten, weil zeichnet, als Nachfolger von dem, im Sinne der Bürger macht." es ein sehr bedrückendes Thema in was der frühere FPÖ-Europaparla- Der heute 56-Jährige hat durch der Familie war".
mentarier und Jude Peter Sichrovsky den Holocaust fast die gesamte Fa- Sein Vater Siegfried habe ihm aber in den Neunzigerjahren unter Jörg milie verloren. Onkel, Tanten, Cou- schon Mitte der Achtzigerjahre, als Haider war. Und tatsächlich hat Lasar sins und Cousinen wurden von den Jörg Haider die FPÖ übernahm, ge- im Jahr 2002 jene Israelreise organi- Nazis in Konzentrationslagern ermor- raten, wenn er sich politisch enga- siert, von der Parteichef Strache noch det. Nur der Vater und der Großvater gieren möchte, dann nur in der FPÖ. heute gerne erzählt. Damals flog eine überlebten. Benzion Lasar, sein Groß- Siegfried Lasar erhielt nach 1945 als kleine freiheitliche Delegation erst- vater, diente im Ersten Weltkrieg, Wiedergutmachung eine Trafik in der mals nach Israel, traf den damaligen wurde verwundet und war später Oberen Augartenstraße im 2. Bezirk, Präsidenten Moishe Katzav, einige Mi-Vorsitzender des Verbandes jüdischer in der auch sein Sohn arbeitete. Der nister und Knesset-Abgeordnete und Kriegsversehrter. Eine Funktion, die er Vater war dreißig Jahre hindurch Ge- besuchte die Holocaust-Gedenkstätte auch nach Hitlers Machtübernahme neralsekretär des Likud in Österreich Yad Vashem. ausübte. „Das hat ihm einen gewissen und Mitbegründer der rechten Partei- Organisiert wurde die Reise von Schutz gegeben", meint Lasar. Auch zeitung „Heruth". Lasar, „weil es ganz wichtig war, dass die Großmutter und seine Mutter Die Kontakte zu den Freiheitlichen auch die FPÖ einmal nach Israel – beide sind zum Judentum überge- knüpfte Siegfried Lasar in den Acht- fährt". Auch Jörg Haider wurde von treten – wurden von den Nazis nicht zigerjahren, bei seiner jährlichen Kur ihm eingeladen mitzureisen, was die-verfolgt. „Aber sowohl mein Groß- in Bad Hall in Oberösterreich. Dort ser allerdings verweigerte. Dafür habe vater als auch mein Vater mussten lernte er Ursula Haubner und deren er immer wieder außenpolitische Ge-den gelben Stern tragen und waren Bruder Jörg Haider kennen. Sohn Da- spräche für den damaligen Kärntner Zwangsarbeiter", erzählt Lasar.
vid wählte damals noch die ÖVP, für Landeshauptmann geführt, erzählt Sechzig Jahre nach dem Anschluss die der Vater Bezirksrat in der Leo- der zweifache Familienvater Lasar.
an Nazi-Deutschland tritt der Nach- poldstadt war. „Mein Vater war aber „Der Standard" schrieb nach der 1·2009 nu 7
Abspaltung des BZÖ im Jahr 2005, Familien Lasar und Muzicant einst Strache versuche, „mit neuen Per- befreundet, die beiden Väter ver- sonen aus dem rechts-nationalen Eck brachten viel Zeit miteinander. Heu- wegzukommen: So hat er David Lasar te wünscht sich Lasar von Muzicant, in den Bundesparteivorstand koop- „dass gerade er als Oberhaupt der isra- tiert – laut Strache ein „profiliertes elitischen Kultusgemeinde Gespräche Mitglied der FPÖ-Floridsdorf und Mit- mit allen Parteien führt". Denn je- glied der Israelitischen Kultusgemein- mand, „der so viel Böses über die FPÖ de". Und wann immer IKG-Präsident sagt, sollte sich auch einmal die ande-Ariel Muzicant Antisemitismus un- re Seite anhören". ter den Freiheitlichen beklagt, wirft In der blauen Riege im Wiener Ge- sich Lasar für seine Parteikollegen in meinderat fällt Lasar, ein gläubiger die Bresche. Es gäbe keinerlei Antise- Jude, der zwar nicht jede Woche den mitismus in seiner Partei, lässt Lasar Tempel besucht, für den „die hohen dann per Presseaussendung ausrich- Festtage aber ein Muss" sind, nicht ten. „Das ist lächerlich. Das sind weiter auf. Er kämpft auf Gemeinde-Worthülsen, die übergestülpt wer- ebene gegen Drogendealer, beklagt, den, wenn dem politischen Gegner dass angeblich „rund 70 Prozent der die Argumente ausgehen", meint er. Asylwerber kriminell werden", und Auch der freiheitliche Nationalrats- engagiert sich für mehr Polizei auf abgeordnete Harald Stefan, Mitglied den Straßen und eine bessere Spitals-der berüchtigten rechtsextremen versorgung für die Wiener Bevölke- Lasar kann sich für die Zukunft „Als ich Spitzenkandidat auch eine bundespolitische Karriere im Bezirk Floridsdorf vorstellen. Dabei würden ihm sicher-lich auch seine auffallend guten Kon- wurde, haben mich takte zu den Kleinformaten „Krone" viele jüdische Freunde und „Heute" helfen, die den Wiener Freiheitlichen schon jetzt gerne zitie- gefragt, ob sie mir eine ren. Aber er zählt auch auf Unterstüt- Vorzugsstimme geben zung von anderer Seite: „Ich glaube nicht, dass die gesamte Kultusgemein- de gegen die FPÖ ist", meint er, „denn als ich Spitzenkandidat im Bezirk Flo- Burschenschaft Olympia, wird vom ridsdorf wurde, haben mich viele jü-blauen Gemeinderat verteidigt: „Das dische Freunde gefragt, ob sie mir eine ist ein ganz lieber Mensch, mit dem Vorzugsstimme geben können."ich sogar auf Urlaub fahre. Wenn der ein Antisemit wäre, würde der doch nicht seine Freizeit mit mir verbrin- gen." So wie Antisemitismus in Ös- NU-Autorin Nina
terreich insgesamt nicht existiere. Das Horaczek hat
hätten ihm auch Freunde, die als or- gemeinsam mit der
thodoxe Juden in der Leopoldstadt leben, bestätigt: „Da gibt es keinerlei ein Buch über
Beschimpfungen oder Ähnliches." Das Verhältnis zwischen Lasar und dem IKG-Präsidenten Muzicant ben. „HC Strache. Sein Aufstieg,
ist mehr als unterkühlt. „Wenn wir seine Hintermänner, seine Feinde"
einander zufällig treffen, grüßen wir kostet 22,95 Euro und ist im
uns", meint Lasar. Dabei waren die Ueberreuter Verlag erschienen.
8 nu 1·2009
Seit etwas mehr als einem Jahr ist er das Gesicht Österreichs in Israel. Der 44-jährige Michael Rendi. Mit NU spricht er über seine Begegnungen mit Überlebenden der Shoah, darüber wie man die jungen Israelis für Österreich interessieren kann und über seine Spurensuche.
NU: Die israelische Botschaft in Wien hat heuer durch
außergewöhnliche Aktionen auf sich aufmerksam ge-
macht, Stichwort Israel-Straßenbahn, Tel-Aviv-Strand etc.
Gibt es ähnliche Aktionen durch die österreichische Bot-
schaft in Israel?

Rendi: Das sind ganz tolle Aktionen, das ist das richtige
Herangehen an die Menschen. Was gezeigt werden soll, ist Israel aus einem anderen Blickwinkel, das moderne Israel. Auch an der österreichischen Botschaft in Israel bemühen wir uns, Österreich aus den Klischees ein bisschen heraus-zuholen. Es gibt ein positives und ein negatives Klischee, das kulturelle Österreich und auf der anderen Seite die historische Verantwortung. Auch da möchte ich einige Schritte weiter gehen, aber unter Einbindung gewisser Faktoren.
Österreich bemüht sich seit den 1990er Jahren sehr um
Wir sind in engem Kontakt mit Überlebenden. Ich fahre oft in Altersheime und bekomme dort überwiegend ein positives Feedback, Diese Menschen freuen sich, wenn sie mich, als einen jungen Österreicher, sehen. Sie tragen zwar den Schmerz und das Trauma in sich, aber auch „Die zweite Generation hat von den Eltern eigentlich nur all die Trauer, all den Schmerz gespürt. Daher will sie sehr oft keinen Kontakt mit Österreich." die Erinnerung an ihre Kindheit und und Enkelkindern in Kontakt treten haben dazu einen DJ eingeladen, der Jugend in Österreich, die sich sicher möchte.
auch österreichische Wurzeln hat. im Lauf der Jahrzehnte verklärt hat. 200 junge Nachkommen von Vertrie- Ich höre immer wieder auch: „… das Wie geht es dieser zweiten und benen sind gekommen. Die Idee war
waren die schönsten Jahre meines Le- dritten Generation, empfinden sie „to reconnect" – wieder anzuknüpfen.
noch etwas für Österreich?
Es gibt da auch ein anderes sehr ge- Die zweite Generation hat von den lungenes Projekt: Es ermöglicht jun- Als Bundeskanzler Vranitzky bei Eltern eigentlich nur all die Trauer, all
gen Israelis in Österreich nach den seinem Israel-Besuch 1992 den Über-
den Schmerz gespürt. Sie sind geboren Wurzeln ihrer Vorfahren zu suchen, lebenden die österreichische Staats-
und aufgewachsen in der Phase, in der wir laden sie ein, in den Gemeinden bürgerschaft angeboten hat, war ich die Eltern gerade nach Israel gekom-
und Ortschaften der Vorfahren, Spu- dabei, als die meisten gemeint haben,
men sind und entweder das Kapitel ren nach vertriebenen Verwandten zu jetzt kümmern sie sich um uns, das ist
ganz weggeblendet oder totgeschwie- suchen. Die jungen Israelis können ja reichlich spät …
gen oder sehr negativ verarbeitet ha- dabei auch gleich das moderne Öster- Bitterkeit schwingt immer mit, ben. Daher will die zweite Generati- reich erleben. Wir hoffen sehr, dass aber vielleicht auch durch das zuneh- on sehr oft keinen Kontakt mit Öster- diese Aktion erhalten bleibt, auch in mende Alter erinnert man sich doch reich. Die meisten haben auch nicht Zeiten der budgetären Knappheit.
eher auch an das Positive. Ich emp- Deutsch gelernt. Und trotzdem gibt finde es zumindest so, wenn diese be- es eine gewisse Bindung, die an die Sie wollen damit die jungen Men-
tagten Menschen auf mich zukom- 3. und 4. Generation übergeht. Und schen mit österreichischen Wurzeln
men, voller Freude und sagen: „Ich genau bei dieser Bindung möchte ich erreichen, wie steht es aber mit den
bin a echt's Weanakind." Das ist für ansetzen: Im vergangenen Jahr ha-
mich sehr berührend. Ich sage ihnen ben wir ein Clubbing in der österrei- Man kann Israel – auch wenn es aber auch, dass ich mit ihren Kindern chischen Residenz veranstaltet. Wir noch so klein ist – nicht über einen 10 nu 1·2009
Kamm scheren. In Tel Aviv sind die jungen Menschen sehr offen, sehr kosmopolitisch eingestellt, sie lieben es zu feiern. Hier ist der Zugang leich-ter zu finden als etwa in Jerusalem. TEL AVIV AM DONAUKANAL
Viele von diesen jungen Israelis waren schon in Österreich, manche haben Imagewerbung auf Israelisch: Die „weiße Stadt" exportiert diesen hier studiert, waren hier Ski fahren, interessieren sich nicht nur für Eur- Sommer ihr berühmtes Strandgefühl nach Wien.
opa, sondern vielleicht auch für die deutsche Sprache oder für Österreich. Wir haben jetzt eine Bundesregierung, die in Israel durchaus positiv aufge-nommen wird, der Brückenschlag ist Wien bekommt eine Sandmeile mit also gelungen. Ich sehe die Rolle der und unter dem Namen der israelischen Botschaft als Plattform, an der man Metropole und – nur nebenbei bemerkt – andocken kann, in Sachen Ausbil- der besten, weil fröhlichsten Party-Stadt dung, es gibt etwa Stipendien extra am Mittelmeer. Der Grund dafür ist aber für Israelis für Tourismus und Wirt- nicht in Wien zu suchen, sondern in Israel: schaft. Wir haben nun ein Programm Tel Aviv feiert bekanntlich 100. Geburtstag ausgearbeitet. Israelische „Young Pro- und ähnliche Aktionen finden auch in New fessionals", die am Beginn ihrer Kar- York, Paris und Kopenhagen statt. Israel riere stehen, werden nach Österreich wird von Mai bis September den „Tel Aviv eröffnete. Am Kanal wird sie ab dem Soft eingeladen, damit sie hier mit jun- Beach" betreiben. Direkt am Donaukanal Opening am 28. April israelische Gerichte gen Österreichern zusammenkommen gegenüber dem Club-Klassiker Flex wird und Getränke anbieten.
und -arbeiten können.
Sand (1.600 Kubikmeter) aus der „weißen Dass mit dem Projekt am Wiener Stadt" aufgeschüttet, im Hintergrund des Donaukanal nicht nur Imagewerbung für Was denken die jungen Israelis von der Wiener Architektengruppe „Share" die 3,2-Millionen-Stadt gemacht werden
über Österreich, welche Meinung ha-
gestalteten Areals wird die Hochhaus- soll, sondern auch für Israel, will Botschafter ben sie über unser Land?
Skyline von Tel Aviv zu sehen sein, davor Dan Ashbel gar nicht verhehlen: „Wenn Natürlich schwingt auch bei diesen gibt es die originalen – nicht übertrieben in Österreich an Israel gedacht wird, Begegnungen immer die Politik mit. edlen – Strandstühle und Light Cones, dann denkt jeder an den Konflikt. Dass Wir tragen das Stigma, dass wir uns große Leuchten, die wie beim Vorbild in es auch ein junges Israel gibt und ein der historischen Verantwortung lange Israel Großstadtromantik erzeugen sollen. normales Leben geben muss, wird dabei nicht gestellt haben, dass lange alles Ausgelegt ist die Zone für mindestens oft vergessen." Das wichtigste Ziel seines unter den Teppich gekehrt worden ist. 160 Personen. Neben Strandatmosphäre Landes sei der Frieden, gerade Kultur und Ich stelle mich dem, in meinen Ge- soll Boccia, Strandball, eine eigene Szenealltag der vermutlich tolerantesten sprächen gebe ich zu verstehen, dass Kindersandkiste und Matkot, das israelische Stadt Israels zu vermitteln, falle unter die mir das sehr bewusst ist und ich ganz Beach Tennis, geboten werden. Für den sonst gerne als Worthülse verwendete offen darüber diskutieren möchte. Proviant wird Haya Molcho verantwortlich Darüber wundern sich meine Ge- sein, die Ende März auch ihr neues Lokal Daher wird es am Tel Aviv Beach in Wien sprächspartner zuerst, dann ist aber mit israelischer Küche am Naschmarkt auch ein Kulturprogramm geben mit teils eine unverkrampfte Begegnung mög- israelischen DJs – aber „ruhigem Sound", lich. Darüber hinaus interessieren sich um die Anrainer nicht zu verärgern –, die jungen Israelis für Themen, die einem Poetry Slam und kleinen Fashion- überall sonst auch junge Menschen Shows – auf einer kleinen Bühne.
Die Stadt Wien unterstützt das Projekt aus- drücklich, Michael Häupl bedankte sich de- Die jungen Israelis interessieren
zidiert für die Initiative. Und wird vielleicht sich aber durchwegs für die politische
vorbeischauen, zumindest zur Eröffnung. Entwicklung, im eigenen Land, aber
Später soll es dann jünger werden.
auch in Europa.
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Ja, und gerade in diesem ist operativ, aus dem Gazastrei- Zusammenhang kann ein ver- fen kommen weiter Raketen. stärkter Dialog zwischen jun- Es könnte sein, dass man da gen Österreichern und Israelis bald wieder auf eine ähnliche sehr spannend sein.
Krise zusteuert. Es scheint ein bisschen wie die Ruhe vor Wie erleben Sie als Öster-
dem Sturm, wir werden bald reicher Israel überhaupt, gibt
eine neue Regierung in Israel es ständig Diskussionen über
haben, die sich schwierigen Politik oder Vergangenheit?
Aufgaben stellen muss.
Ja, das kommt ständig, Wohin entwickelt sich Israel
aber es überlagert nicht die unter der neuen Regierung?
gesamte Diskussion. Wenn Ich bin mit Prognosen vor- ich sage, „I am from Austria", sichtig: In einem Land wie Is- dann kommt heute nicht rael kann von einem Tag auf mehr der Reflex, aha, ein den anderen alles anders sein. braunes Fenster öffnet sich. Netanyahu wird sicher vieles Das ist sicher weniger gewor- anders machen als sein Vor- den. Wir werden verstärkt als gänger. Seine erste Priorität ist europäisches Land gesehen, der Iran, allerdings ist fraglich, das wie viele andere eine Rolle was er tun möchte. Denn auch spielt. Heute geht es eher um die US-Regierung ist erst in die Frage, sind wir ein Freund ihrer Genesis-Phase, und hat Israels oder nicht, wo stehen jetzt durch die Wirtschafts- wir im Nahost-Konflikt, wie krise andere Prioritäten. Die stehen wir dem Staat Israel Konturen der Nahost-Politik gegenüber? Das ist heute die Obamas müssen erst geschärft wichtigere Frage.
Apropos Freund Israels: Das Bild,
Eine eventuelle Annäherung der
„Wenn ich sage das in Österreich von Israel gezeich-
Fatah und der Hamas – birgt das
net wird, ist wenig israelfreundlich, ‚I am from Austria‘,
Hoffnung oder wird es zu einer noch
das hat sich gerade im Gaza-Konflikt
dann kommt heute wieder gezeigt, vor allem in den Me-
Aus israelischer Sicht bleibt die dien. Vielleicht liegt es auch daran, nicht mehr der Reflex,
Hamas kein Partner – auch wenn sie dass viele Journalisten noch nie in Is-
mit der Fatah eine Regierung bildet. aha, ein braunes rael waren.
Netanyahu wird da sicher keine Ver- Österreichische Politiker kommen Fenster öffnet sich." handlungsbereitschaft zeigen, denn er häufiger nach Israel als Journalisten, wird von seiner Linie nicht abgehen. da gibt es nur zaghafte Versuche, Er setzt auf wirtschaftlichen Frieden und wenn sie kommen, dann nur in mit den Palästinensern, d. h. in erster Zeiten einer Krise, wie jetzt beim Ga- und die EU haben großes Verständnis Linie darauf, dass die wirtschaftlichen za-Konflikt. Das Image Israels ist in für die Sicherheitsinteressen Israels, Strukturen der Autonomiebehörde so Österreich meiner Meinung nach ei- sind aber auch davon überzeugt, dass gestärkt werden, dass ein wirtschaft- gentlich nicht so schlecht wie in an- nur eine Zweistaatenlösung für Israel licher Wandel Platz greift und eine deren europäischen Ländern, wo es auf Dauer Sicherheit bringen kann. neue Basis entsteht. Ich würde vor zu großen anti-israelischen Kundge- zu optimistischen Ansichten warnen. bungen gekommen ist. Das wird in Dass Israel täglich angegriffen Denn die Palästinenser wollen auch
Israel sehr wohl registriert. Ich wür- wird, auch davon erfährt man in Ös-
de sagen, wir liegen im europäischen terreich derzeit kaum etwas.
Mainstream. Das kann man so oder so
An der Situation in Gaza hat sich Eine Bedrohung nicht nur für Israel
sehen, ich sehe das positiv. Österreich nur sehr wenig geändert. Die Hamas stellt der Iran dar, mit seinen Bestre-
12 nu 1·2009
„Meine Familie ist ein Fleckerlteppich und hat sich durch die Realitäten des k.u.k. Österreich entfaltet. Mein Vater war Mitglied der Kultusgemeinde, aber nicht religiös." bungen, eine Atommacht zu werden,
geheiratet und ist in den 1930er Jah- „katholische" Mutter in einer Kirche da hat man den Eindruck, dass Euro-
ren zur russisch-orthodoxen Kirche zu trauen.
pa das nicht allzu ernst meint.
übergetreten. Sie wurde aber den- Es ist richtig, auch mir und mei- noch von der Gestapo verhaftet, mein Ihre Mutter hat also mit ihren El-
nen Kollegen wird von israelischer Großvater hatte aber als Arzt einem tern unter einer falschen Identität
Seite immer wieder gesagt, dass die hohen deutschen Offizier nach einem
überlebt – und der Vater?
iranische Shahab-Rakete es sicher bis Unfall das Leben gerettet und konnte Mein Großvater Felix Rendi wurde Rom oder vielleicht auch Wien schaf- mit dessen Hilfe meine Großmutter in Süditalien interniert, mein Vater ist fen wird. D. h. die EU könnte bei aus der Gestapo-Haft befreien. Da- auf der Flucht in Como aufgewachsen, einem möglichen Angriff betroffen nach konnten sie als Landärzte mit er spricht italienisch wie ein Italiener, sein, also die EU sollte nicht unbetei- einer falschen Identität in der Nähe kroatisch wie ein Kroate, die letzten ligt zuschauen. Für Israel laufen die von Dresden überleben. Nach Ende Kriegsjahre hat er mit meiner Groß-Bemühungen, den Iran zu stoppen, zu des Zweiten Weltkriegs sind sie wieder mutter in der Schweiz überlebt. Danach langsam. Österreich bringt sich dabei nach Wien gekommen, die jüdische hat meine Großmutter wieder in Graz aktiv ein, Kritiker werden bestimmt Identität wurde allerdings immer tot- gelebt. Das Tuchhaus Rendi ist unserer sagen, alles zu langsam. Es ist klar, geschwiegen. Meine Großmutter ist Familie nach dem Krieg zurückgegeben dass die Zeit sehr schnell vergeht und der Iran auf Zeit spielt. Die Weltpo-litik ist gefordert. Optimist in dieser Frage zu sein, ist heute schwer.
Sie sind, als Sie Ihr Amt angetreten
haben, nicht ohne Vorbereitung nach
Israel gekommen, Sie stammen aus
einer jüdischen Familie.

Meine Familie ist ein Fleckerltep- pich und hat sich durch die Reali-täten des k. u. k. Österreich entfaltet. Väterlicherseits stamme ich aus einer jüdischen Familie aus Graz. Das Tuch-haus Rendi war eines der großen Tex-tilhäuser Österreichs, ein weiteres gab es in Zagreb, die Krapina-Webereien. Unsere Familie ist geflüchtet, als die Nazis nach Zagreb kamen. Der deut-sche Oberkommandierende ist in un- NU-Redakteurin Danielle Spera im Gespräch mit Botschafter Rendi sere Villa eingezogen, in jenes Haus, in dem mein Vater geboren worden ist. Danach haben es die Kommunis- auch auf dem russisch-orthodoxen worden, es wurde dann verkauft, das ten übernommen. Mein Vater war Friedhof begraben. Meine Mutter und wunderschöne Jugendstil-Gebäude am Mitglied der Kultusgemeinde, aber deren Schwestern wurden katholisch Joanneumring N°5 steht noch. Man nie aktiv und auch nicht religiös. Es erzogen, ich bin getauft worden. Von fragt mich übrigens oft, woher der Na-war eine typisch assimilierte Familie, der jüdischen Herkunft meiner Mut- me Rendi kommt, das ist kein unga- einmal hat er mich in die Synagoge ter habe ich erst sehr spät erfahren. rischer Name. Die Familie hieß Rosen-mitgenommen.
Meine Großmutter hat meiner Mutter baum, das wurde aber schon lang vor kurz vor der Hochzeit gesagt: „Willst den Nazis in Rendi geändert. Dadurch … und mütterlicherseits?
Du das wirklich, jetzt geht das wieder dass die Firma international tätig war, Die Familie meiner Mutter kommt los …?" Meine Eltern haben in der hat Simon Rosenbaum seinen Namen aus einer jüdischen Juristenfamilie Pfarre Grinzing einen sehr couragier- in den in allen Sprachen leicht klin- aus Rostov am Don, ihre Mutter hat ten Pfarrer gefunden, der im Wien der genden Namen Rendi geändert. Meine in Wien Medizin studiert, hier einen späten 1950er Jahre den Mut hatte, Eltern haben sich im Wien der 1950er aus Brünn stammenden Katholiken meinen jüdischen Vater und meine Jahre kennengelernt, mein Vater war 1·2009 nu 13
„Meine Tochter lernt derzeit Englisch und Hebräisch. Religion ist bei mir und meiner Frau nicht stark ausgeprägt." bei der Atombehörde tätig, ich bin in Frau nicht sehr stark ausgeprägt. Für was, in dieses gefährliche Land? Wie
Italien und Brasilien aufgewachsen.
mich persönlich ist der Posten in Isra- erleben Sie das?
el sehr wichtig, weil ich den Umgang Ich fühle mich in Israel sehr wohl. Was werden Sie Ihrer Tochter wei-
mit meinen jüdischen Wurzeln und Ich bin in São Paulo aufgewachsen, tergeben, wie wird sie ihre jüdischen der katholischen Erziehung jetzt viel dort ist die Gefahr sicher größer, ich
Wurzeln leben, erleben?
unverkrampfter suchen kann. Es ist habe mich, was die Kriminalität an- Was meine Eltern mir mitgegeben für mich ein ganz wichtiger Weg der langt, noch nie so sicher gefühlt wie haben, sind sicher die Weltoffen- jetzt in Israel. Es gibt das Risiko von heit und die Sprachen, das möchte Anschlägen, das ist, zumindest der- ich meiner Tochter auch mitgeben. Wenn man in Österreich erzählt, zeit, eher gering, wenn man von den
Sie lernt derzeit Englisch und Hebrä- dass man nach Israel fährt, wird seltenen Bulldozer-Attentaten absieht.
isch. Religion ist bei mir und meiner einem mit Unverständnis begegnet, Ich bin auch fallweise im Westjordan-
WENN DIE WELT DOCH
NICHT VERRÜCKT WIRD
Wie erging es dem Journalisten Christian Ortner, als er Anfang Jänner einen eindeutig
pro-israelischen Kommentar in der Tageszeitung „Die Presse" veröffentlichte? Lesen Sie den
Kommentar auf Seite 15 nach. Für NU fasst er seine Erfahrungen hier zusammen.
Zu den Vorteilen des Journalistenberufes dieser kaum erwehren. Üblicherweise.
Kommentar über Israel zu schreiben, hat gehört zweifellos, dass man immer wieder Und dann geschah etwas Merkwürdiges. sich gemeldet (meine leise Hoffnung: Er hat interessanter Begegnungen mit anderen Nachdem am 8. Jänner in der „Presse" mein mich als unbelehrbar abgeschrieben; meine Menschen teilhaftig wird. Wie etwa jener (hier nochmals abgedruckter) Kommentar Befürchtung: Er war bloß auf Urlaub).
mit einem mir völlig unbekannten Mann „Immer Ärger mit den Juden" erschienen Seither frage ich mich natürlich beklommen: an einem Samstagvormittag, kürzlich in der war, bekam ich innerhalb weniger Tage rund Ist die Welt verrückt geworden, wenn ein Wiener Naglergasse. „Was ich da so über 400 Mails von Lesern, was doch wesent- Kommentar, der Israel nicht routinemäßig Israel schrieb", so stellt mich der Fremde, lich mehr als üblich ist. Doch das wirklich als Schurkenstaat beschreibt, nicht sofort „sei ja nun wirklicher Mist." Er wisse aber, Merkwürdige war: Fast 90 % der Mails wa- 90 % Leserreaktionen generiert, so wie fügt er gleichsam mich entschuldigend ren freundlich, zustimmend, ja gelegentlich man sie sich halt vorstellt („Solche wie Sie, hinzu, warum das so sei: „Weil wenn ihr sogar von einer berührenden Art: etwa von Herr Redakteur, raucht unser Jörgel in der Journalisten nicht mindest einmal in der einem in Florida wohnenden 90-jährigen Woche was Judenhöriges in eure Blattln Überlebenden der Shoa, aus einem Kibutz Zu befürchten ist: Das deutet nicht auf eine schreibts, dann seids ja euren Job los, dafür im Süden Israels, von ein paar Journalisten- Änderung des Meinungsklimas hin, sondern sorgen die Juden dann schon." Sprach's und Kollegen, deren Namen ich hier in Ihrem bloß auf ein statistisches Phänomen. Wenn ging seiner Wege (der Typ war übrigens Interesse besser nicht nenne. sehr selten mal ein Kommentar erscheint, stocknüchtern, durchaus artikuliert und in Natürlich kamen auch eine Handvoll durch- der Israel nicht verurteilt, fühlen sich die feines Maßtuch gekleidet). aus kritischer Mails, doch bis auf ganze zwei wenigen, die diese Meinung teilen, natürlich Wenn man so etwas mag, braucht man Stück – das muss man sich bitte vorstellen, eher motiviert, darauf zu reagieren.
üblicherweise als Journalist in diesem zwei von 400 – war dabei keine Spur von Ganz abgesehen davon, dass diese für mich Land nur die Meinung vertreten, dass dem, was ich irgendwie doch erwartet hat- eher unerwarte Leserreaktion natürlich Israel kein blutrünstiges Naziland ist, das te: der übliche Dreck.
ohnehin von der jüdisch-freimaurerischen sich im Wesentlichen damit beschäf- Nicht einmal der notorische Weltverschwörung, dem Mossad und gewis- tigt, Konzentrationslager für harmlose Palästinenserversteher Fritz Edlinger, der sen Ostküstenkreisen gesteuert worden sind, Palästinenser zu betreiben – und schon kann mir sonst schon empört schreibt, wenn ich wie meine Naglergasse-Bekannschaft wohl man sich empathischer Leserreaktionen wie auch nur unter der Dusche erwäge, einen meinen wird.
14 nu 1·2009
land, habe mich aber auch dort noch Das Kaufhaus Rendi, nie unsicher gefühlt. Wir bieten je- eines der größten denfalls für alle Reisenden Tipps an, Textilhäuser Österreichs, die man auf unserer Homepage (www.
in Graz. Es gehörte dem aussenministerium.at/telaviv) aktuell Vater Michael Rendis.
abrufen kann. Meiner Meinung nach soll man unbedingt nach Israel fah-ren, ein wunderbares, spannendes Land mit wunderbaren Menschen, das ich nur jedem ans Herz legen kann.
Danke für das Gespräch.
IMMER ÄRGER MIT DEN JUDEN
Warum lassen sich die Israelis nicht einfach ohne
Gegenwehr ermorden? Früher ging das doch auch!
(Ursprünglich erschienen in „Die Presse" am 9. Jänner 2009)
Mehr Bewusstsein für Tradition und den Juden gegenüber ja eh viel Sympathie Kontinuität als die störrischen Juden zeigte auf; jedenfalls solange es sich um tote Juden hingegen erwartungsgemäß Frankreich: handelt. Gegen die im KZ ermordeten Juden Indem das Außenministerium ebenfalls zum Beispiel hat heute fast niemand mehr Hamas und Israel gleichermaßen rügte und damit den Unterschied zwischen Aggressor Etwas anders verhält es sich mit (noch) und Opfer orwellianisch zum Verschwinden lebenden Juden. Zwar verurteilte der brachte, knüpfte die Grande Nation gekonnt Bundeskanzler in einem Interview die an die glorreichen Vichy-Zeiten an, in denen Raketenangriffe der Hamas auf Israel; das stolze Frankreich jüdische Frechheiten im gleichen Atemzug verurteilte er aber auch nicht ungestraft hinnehmen musste.
auch Israels Versuch, sich gegen diese Als Camouflage ihrer Haltung dient all je- starten? Es ist ja nicht gut vorstellbar, dass Terrorangriffe militärisch robust zur Wehr nen, die von Israel erwarten, sich gefälligst die Hamas gegen den Widerstand der eige- mit Raketen beschießen zu lassen, ohne nen Bevölkerung auch nur einen Tag weiter Ärger zu machen, neuerdings das Argument so Terror gegen Israel betreiben könnte.
Vermutlich ist diese Haltung eines ent- von der „Unverhältnismäßigkeit" der israe- schlossenen Einerseits-andererseits durchaus lischen Gegenwehr, also der Umstand, dass Davon, dass die (mit Mehrheit gewählte) mehrheitsfähig. Solange Israel ohne jede deutlich mehr Palästinenser der israelischen Hamas mit Gewalt ihre Raketenstellungen Gegenwehr hinnimmt, dass ein erheblicher Gegenwehr zum Opfer fallen als Israelis dem mitten unter Zivilisten errichtet hat, ist Teil seiner Bevölkerung regelmäßig im bislang nichts bekannt. Damit stellt sich Bunker leben muss, um nicht Opfer einer auch die Frage der „Verhältnismäßigkeit" Hamas-Rakete zu werden, tolerieren wir ihr Unbestritten ist, dass dies vor allem anders: Solange die Palästinenser dulden, Verhalten. Wehren sie sich dagegen, stellen daran liegt, dass die Hamas ihre dass die Hamas aus ihrer Mitte, aus ihren wir sie auf eine Ebene mit den Hamas- Raketenstellungen in Schulen, Kindergärten Häusern und Schulen Raketen auf israelische Terroristen. Warum auch können sich die und Krankenhäusern errichtet, um genau Kindergärten abfeuert, können sie nicht wirk- in Israel lebenden Juden nicht genauso ge- diesen Effekt zu erzielen. Deshalb stellt sich lich als „unschuldige zivile Opfer" gelten.
räuschlos und höflich umbringen lassen wie die Frage: Warum hindern die 1,5 Millionen Nicht Israels Gegenwehr ist unverhältnismä- ihre Eltern und Großeltern damals in den Palästinenser in Gaza die Hamas nicht dar- ßig, sondern die Kritik an dieser Gegenwehr an, Raketen auf Israel vom Schulhof aus zu 1·2009 nu 15
Zwischen Purim und Puma Eine neuer Club für 9- bis 15-Jährige am Karmelitermarkt will die jüdische Jugendarbeit beleben.
VON MARTIN ENGELBERG UND PETER RIGAUD (FOTOS).
politischer Bezug hergestellt. Die Ju- so etwas Besonderem macht: „Bei gendlichen diskutieren mit zuneh- Hillel kann ich mich meiner persön- mender Verve miteinander, beschäf- lichen politischen, religiösen Mei- Es ist faszinierend: Soeben ha-
ben die Kids noch über Pu-rim geblödelt, über Haman und König Achaschwerosch, tigen sich sehr eindrucksvoll mit Fra- nungen enthalten. Ich kann den Ju- da wirft Lisa – die Leiterin der „Hil- gen, die sich wohl so mancher Er- gendlichen ihren Raum geben, sie lel Group" (siehe Kasten) – sehr ge- wachsene schon lange nicht gestellt ihre Meinungen ausleben, entwi- schickt einige Fragen in die Diskus- ckeln lassen. Wir wollen den Jugend- sion: Wie das wohl für die Juden war lichen nicht eine vorgefertigte Mei- in einem Land zu leben, wo sie der Dazu erklärt Lisa später, dass ihr nung aufsetzen, sie nicht indoktri- Laune des Königs ausgesetzt waren? solche Diskussionen großen Spaß nieren."Wie man sich in einem Land ver- machen: „So lässt sich von Purim, hält, in dem Unrecht geschieht? Ab einem jüdischen religiösen Fest eine Dies beschreibt bereits sehr gut wann man sich gegen die Staatsge- sehr spannende politische und zu- eine der Grundideen der soeben neu walt wehren darf, wehren muss? tiefst jüdische Diskussion herleiten gegründeten jüdischen Jugendorga- Blitzschnell hat sich von der Pu- – das ist unser Ziel." Sie erklärt dann nisation Hillel Group. „Wir wollen, rim-Geschichte ein ganz aktueller auch gleich, was die Hillel Group zu dass unsere Kinder in ihrer jüdischen Identität, in ihrem jüdischen Be-wusstsein gestärkt werden, ohne dass Irina Chaimova kam vor vier Jahren aus Russland und arbeitet bei Hillel mit.
sie in eine ganz bestimmte politische oder religiöse Ausrichtung gedrängt werden", meint Robert Herscovici, einer der Mitinitiatoren der neuen Jugendorganisation. Er war auch in seiner Jugend Mitbegründer der Vereinigung Jüdischer Mittelschüler „Jewish Youth Study Groups", die Ende der 1970er Jahre über einige Jahre die stärkste jüdische Jugend-organisation Wiens war.
Es geht um die Begegnung mit den verschiedenen Facetten des Ju-dentums, das Lernen und Beschäf-tigen mit religiösen Traditionen, um die Vermittlung jüdischer Ge-schichte und politischer Bildung. „Dabei wollen wir mit den Kindern 16 nu 1·2009
auch kreative Sachen machen, viel und sollte die Hillel Group ein Vaku- Spaß haben, uns gemeinsam weiter- um füllen, das seit vielen Jahren in entwickeln, so wie sie von uns was der jüdischen Gemeinde besteht.
lernen, lernen wir auch von ihnen", sagt Irina, ein weiteres Mitglied des Die Hinwendung der Hillel Group Leitungsteams der Hillel Group.
zur örtlichen jüdischen Gemeinde trifft einen weiteren wichtigen Punkt: Natalie Lanczmann hat sich eben- Die Beschäftigung mit und die Zu- falls im Aufbau der Hillel Group en- wendung zu Israel ist wohl ein zen- gagiert. Sie selbst war in ihrer Ju- Lisa Joskowicz, Leiterin der Hillel traler Punkt des Programms, aber „es gend Mitglied der B'nai Akiba, doch Group, findet es gut, dass sie „den geht auch um unsere Gemeinde, um sie wünschte sich für ihren 10-jäh- Jugendlichen ihren Raum geben unsere Gemeinschaft hier in Wien. Es rigen Sohn eine Jugendorganisation kann", abseits von Religion, Politik ist nicht das einzige Ziel, dass unse- mit Vielfalt, einen Platz, wo er Kon- und persönlichen Meinungen.
re Mitglieder nach Israel gehen", er- takt zu anderen jüdischen Kindern klärt Thomas. Er selbst war Mitglied finden kann, ohne in eine ganz be- des Schomer in seiner Jugend und stimmte Richtung gehen zu müssen damals galt: „Wir wandern alle aus – und meint: „Eine kritische Auseinan- der Letzte dreht das Licht ab." dersetzung mit seinem Judentum als Kind, Jugendlicher kann er nicht mit Außerdem sind in anderen Ju- mir führen, das muss er mit Gleich- gendorganisationen die Leiter der altrigen machen." Gruppen oft nicht viel älter als die Mitglieder. Lisa – sie ist kli- Hillel Group spricht jüdische Ju- nische Psychologin und hat viel Er- gendliche – vorerst einmal im Alter fahrung in der Arbeit mit Jugend- von 9 bis 15 Jahren – an. Die Tref- lichen – möchte unbedingt, dass die fen finden jeden Samstagnachmittag Jugendlichen sich einbringen und in Räumlichkeiten der Israelitischen Programme selber gestalten, „es ist Kultusgemeinde am Karmelitermarkt aber ganz wichtig sie dabei optimal statt. Die IKG unterstützt die neue Ju- zu unterstützen, um unserem profes- gendbewegung sowohl finanziell als sionellen Anspruch gerecht zu wer- auch moralisch – schließlich könnte HILLEL GROUP
Bereich. Lebt seit einigen Monaten
in Richtung Jugendarbeit, Therapie,
wieder in Wien und freut sich, gleich in
Trainer gehen. Übernimmt gerne
Neue jüdische Jugendorganisation
der Gemeinde tätig sein zu können.
die Rolle des „Advocatus Diaboli" in
Haidgasse 1 (am Karmelitermarkt)
Diskussionen in der Hillel Group.
Treffen jeden Samstag von
Irina Chaimova (24)
16.00 bis 19.00 Uhr
Kam mit 4 Jahren aus der ehemaligen
Barbara Michel (43)
Alter: 9–15 Jahre
Sowjetunion nach Wien, ist hier auf-
Ist eine der Mitorganisatorinnen von
Fragen, Ideen, Anmeldung:
gewachsen, hat maturiert, studiert
MOADON – Club junger jüdischer
Betriebswirtschaft und hofft, in einem
Erwachsener und hat dadurch viel
Jahr mit dem Studium fertig zu werden.
Erfahrung in der Organisation von
Arbeitete an der israelischen Botschaft,
Programmen. Sie lebte ein Jahr in Israel
jetzt in einem Familienunternehmen
und hat auch weiterhin starken Bezug
und für die Hillel Group.
zu Israel. Sie hat sich in den letzten
Lisa Joskowicz (30), Leiterin
Jahren zunehmend Tätigkeiten im psy-
der Hillel Group
Thomas Deutsch (39)
cho-sozialen Bereich zugewandt und ist
In Wien aufgewachsen, ging sie mit 18
Geboren und aufgewachsen in
derzeit in Ausbildung zur Lebens- und
nach Israel, lebte dort 12 Jahre, studierte
Wien, war er in seiner Jugend im
Sozialberaterin. Mitarbeit bei Hillel
klinische Psychologie, arbeitete viel mit
Schomer, orientiert sich derzeit, was
Group im konzeptuellen Bereich; steht
Jugendlichen und im psychosozialen
seinen Beruf betrifft, neu, möchte
mit guten „Ezzes" immer zur Verfügung.
1·2009 nu 17
Der Schuhtherapeut Wer sind die kleinen Geschäftsleute, die das jüdische Handwerk in Wien weiterleben lassen? NU startet eine neue Serie, in der diese Menschen porträtiert werden. Erster Teil: Der Schuster David Malajev in der Josefstadt.
In Buchara waren die Juden stets
die Handwerker. David Malajev weiß das von den Altvorderen, die dort noch aufgewachsen sind und Ende der 1970er Jahre nach Ös-terreich kamen. Alle miteinander sind sie nach Wien gezogen, denn sie sind ein Clan, eine eng verbunde-ne Familie. So nimmt es auch nicht Wunder, dass David Schuhmacher geworden ist. Schon sein Großvater war Schuhmacher, ebenso sein Vater und mit geringem Risiko kann man darauf wetten, dass auch sein zwei-jähriger Sohn bei den Leisten bleiben wird.
Wer den Laden in der Lange Gas- se 78, direkt an der Station der Straßen-bahnlinie 5, betritt, wird überrascht sein, einen ganz jungen, vor kurzem erst im Erwachsenenalter angekom-menen Mann vor sich zu sehen. Der Meister der Schuhe ist gerade mal 24 Jahre alt und verfügt doch schon über eine profunde Ausbildung und meisterhafte Überzeugungskraft. Wer da wieder hinausgeht, ohne etwas gekauft zu haben, und seien es nur ein paar Schuhbänder, muss unbän-dig resistent gegen Redetalent und Charme sein. Die neue NU-Serie Jüdische Geschäftsleute in Wien: Wir erzählen die Geschichte jener Menschen, die in den kleinen Geschäften stehen, die wir alle kennen. Haben Sie Ideen? Dann mailen Sie an office@nunu.at.
1·2009 nu 19
Seine Lehrjahre hat David zuerst für Lackschuhe, Glattlederschuhe bei der Firma „bständig" verbracht, oder Raulederschuhe. Da muss man wo er zum Orthopädie-Techniker schon das Richtige verwenden. Und ausgebildet wurde, anschließend zu mir kommen halt Menschen, die lernte er am WIFI das Handwerk des ihre Schuhe lieben und sie einmal Schusters und machte sich sofort da- in der Woche allesamt durchputzen. nach selbstständig. Alles scheint be- Die kriegen von mir dann nützliche sonders schnell zu gehen bei David Tipps." Er selbst gibt sich mit dem Malajev. Mit 21 Jahren war er verhei- einmal erworbenen Wissen auch ratet, führte ein Geschäft und wur- nicht zufrieden und besucht regel- de bald darauf Vater. Anfangs half mäßig Kurse zu Materialkunde. seine Frau noch mit, aber seit ihrer Während wir plaudern, betritt ein Karenz muss er den Laden alleine Mann das Geschäft und beginnt, schupfen. Auch das macht er fix und Plastikringe zum Markieren seiner pragmatisch. Um sechs Uhr beginnt Schlüssel auszuwählen. Er lässt sich er damit, die Reparaturen zu erledi- zehn große runde, und zehn ova- gen, bald nach acht sperrt er auf und le und zehn kleine runde weglegen pendelt bis zum Abend zwischen Ver- und gustiert bei den Farben. David, kaufslokal und angrenzender Werk- der Ungeduldige, hat plötzlich alle statt. Wenn er dann um zwei Uhr am Zeit der Welt, gibt Anregungen und Nachmittag alle Halbsohlen, Absätze berät. Schließlich verlässt der Mann und Fersenfutter appliziert hat, kann mit dem wohl größten Schlüsselbund er sich in Ruhe den Kunden wid- der Stadt zufrieden das Geschäft.
men. „Die meisten Kunden kommen Ein anderer Kunde, der sich Rat- schon automatisch am Nachmittag, schläge für die Pflege seiner schwar- weil sie wissen, dass ich mir dann zen Schuhe geben lässt, erfährt, dass mehr Zeit für sie nehmen kann", er- schwarze Schuhpasta meist mit Erde zählt er über einen gelungenen Erzie- abgemischt ist und daher das Leder hungsprozess. „Die Leute kommen austrocknet, also farblose Creme an- ja meistens in ein Geschäft, um zu plaudern. Das geht mir und meinen Für seine Kunden ist David auch Nachbarn gleich, ob Schneider, Obst- zu Kompromissen bereit. Wohl hängt händler oder Fotograf. Wir müssen am großen Kasten mit seinen vielen therapeutisch veranlagt sein, das ist Fächern zum Ausstellen der handge- ganz normal und man gewöhnt sich machten Schuhe ein jüdischer Ka- daran mit der Zeit." lender, aber zu Weihnachten hat er Während dieser Therapieminu- dennoch für seine Klientel einen Ad- ten am Nachmittag findet jeder der ventkalender in das Schaufenster ge- Kunden irgendetwas Nützliches beim hängt. „In jedem Fenster", berichtet Schuhmacher Malajev. Er ist einer er stolz über diese Geschäftsidee, „gab der letzten, wenn nicht überhaupt es ein kleines Geschenk aus meinem der letzte Schuhmacher in Wien, der Repertoire, das der erste Kunde am nicht nur handgemachte Herren- Tag mitnehmen durfte." schuhe verkauft und alle Arten von Der junge Schuhmacher ist sich Schusterarbeiten durchführt, son- nicht zu gut dafür, selbst das Ge- dern auch Zubehör vertreibt. Was schäft aufzuwaschen und zu putzen. viele heutzutage in den Drogerien Wenn er über seine Familie erzählt, oder bei den Schlüsseldiensten ein- lässt sich erahnen, aus welch armen kaufen, gibt es bei Malajev in bes- Verhältnissen die Bucharen kom- ter Qualität und, wie er besonders Es gibt verschiedenes Zubehör für men. Die Mutter seines Vaters ist betont, mit Fachberatung. „Es gibt Glatt-, Lack- oder Raulederschuhe. 1970 nach der Geburt ihres sechs- ja verschiedenes Zubehör, passend Malajev hat für jeden das Richtige.
ten Kindes an Typhus gestorben. 20 nu 1·2008
„Ich habe zu meiner Frau vor unserer Hochzeit gesagt, dass sie darauf gefasst sein muss, dass wir irgendwann einmal unsere Sachen packen und nach Israel fliegen." David sagt dazu: „Das war damals eine schwierige Krankheit, gegen die man in Usbekistan nicht wirk-lich etwas machen konnte." Davids Großvater wollte diese Verhältnisse hinter sich lassen und die ältesten Söhne rasch verheiraten. So brach die ganze Familie bald in Richtung Israel auf. Wien war die übliche Zwi-schenstation und muss dem ältesten Sohn, Davids Onkel, so gut gefal-len haben, dass er kurz nach sei-ner Hochzeit auf Dauer zurückkam. Nach und nach folgten die jünge-ren Geschwister seinem Vorbild und verließen Israel. Heute leben sechs Zweige der Großfamilie Malajev ge-meinsam in einem Wohnhaus im achten Bezirk. David fliegt einmal im Jahr nach Israel, um die Familie seiner Mutter zu besuchen und weil er das Land liebt. ne Juden mehr in Buchara lebten, des Immobilienmaklers beibringen. „Ich habe zu meiner Frau vor unserer meint David, dass nur mehr die Un- Die Schuhe aber werden ihn sicher- Hochzeit gesagt, dass sie darauf ge- flexiblen zurückgeblieben seien. Und lich noch nicht so schnell auslassen, fasst sein muss, dass wir irgendwann man merkt ihm an, dass er für eine gehen doch die Malajevs seit vie-einmal unsere Sachen packen und solche mangelnde Initiative gar kein len Generationen wohl besohlt auf nach Israel fliegen. Wir fliegen dann Verständnis aufbringen kann. Er sel- dem goldenen Boden dieses Famili- einfach heim." In Österreich, betont ber ist schon wieder an etwas Neu- enhandwerks, das alle brauchen in er, fühle er sich wirklich zu Hause, em dran. Ein Verwandter will dem den kalten Ländern, Moslems, Juden, aber irgendwie habe er das Gefühl, in rastlosen jungen Mann das Gewerbe Christen und Agnostiker.
Israel seine Wurzeln zu haben.
Usbekistan hat er noch nie gese- hen. Er wisse nur von seinem Va- Schuhmacher David Malajev
ter, der regelmäßig das Grab seiner vor fast vierzig Jahren verstorbenen Lange Gasse 78, 1080 Wien/Ecke Alserstraße Mutter besucht, dass sich alles radi- kal geändert habe und er ihm, Da- Mo.–Fr. 8:15 bis 13:00 und 14:00 bis 18:00 Uhr, Sa. 9:15 bis 12:00 Uhr vid, daher gar nicht zeigen könne, wie es seinerzeit gewesen ist. Die Ju- Handgemachte Schuhe, Reparaturen, Zubehör, Schlüssel, Accessoires den hätten sich damals leicht durch-setzen können, meint David, denn Ausgewählte Preise, Stand März 2009
sie wären die Handwerker gewesen. Damen-Gummiabsätze von 8,50 bis 12,50 Euro „Essen und Geld hatten die Moslems Damen-Metallabsätze von 12,50 bis 14,50 Euro genug, aber keine geschickten Hand- Herren-Gummiabsätze von 12,50 bis 15,00 Euro werker. Unsere Frauen haben genäht Herren-Lederabsätze von 15,00 bis 18,50 Euro und die Männer die Schuhe repariert. Halbsohlen aus Leder / Damen 25,00 Euro, Herren 30,00 Euro Das ist ja kein so sonniges Land, wie Halbsohlen aus Gummi / Damen 19,00 Euro, Herren 22,00 Euro zum Beispiel Israel, wo man Sandalen Schutzsohlen / Damen 22,00 Euro, Herren 25,00 Euro oder Flipflops trägt. Nein, dort hat Fersenfutter / Damen 12,00 Euro, Herren 13,00 Euro man Schuhe reparieren müssen, so Spitzen / Damen 9,50 Euro, Herren 10,50 Euro einfach war das." Dehnen Schuhe 8,00 Euro Auf die Frage, ob denn gar kei- Zippverschluss einnähen je cm 0,60 bis 1,00 Euro 1·2009 nu 21
„Ich war eher der Vorsichtige" Er überlebte die NS-Zeit in Budapest, gab das Klavierstudium seinem Vater zuliebe auf und studierte stattdessen Chemie. Nebenbei wurde er zum wichtigsten Kulturmanager Österreichs: Hans Landesmann, Jahrgang 1932, im Interview über sein Leben zwischen Fleischgroßhandel und zeitgenössischer Musik. NU: Sie wurden am 1. März 1932 Wien geschickt, um dort eine Nie-
den gelben Stern, im Juni mussten geboren. Können Sie sich noch an derlassung zu gründen, einer meiner wir aus unserer Wohnung. Die Depor-
Ihre Kindheit in Wien erinnern?
Onkel ging nach Prag, und die bei- tationen begannen, aber zuerst in der Landesmann: Punktuell. Ich kann den anderen Onkel kümmerten sich Provinz. Doch dann – das war am
mich wohl nur deshalb daran erin- in Österreich beziehungsweise in Un- 15. Oktober – hat eine Rechts-Rechts- nern, weil ich mit meinem Bruder, der garn um die Landwirtschaften. So ent- Partei die Macht übernommen. Von zwei Jahre älter ist, und mit meinen El- stand eine Art Konzern. Mit Viehhan- da an war man wirklich in Lebens- tern darüber gesprochen habe. Es war del. Denn damals gab es noch keine gefahr. Die Juden wurden im Ghetto jedenfalls eine sehr schöne Zeit. Nach Automobile, die Fleisch gekühlt trans- zusammengetrieben, viele wurden dem Kindergarten, als ich sechs Jahre portieren konnten. Mein Vater eröff- erschossen. Die Botschaften der neu- alt war, mussten wir weg. In Buda- nete sein Büro in St. Marx – und es tralen Länder wie die Schweiz, die pest lastete sofort ein riesiger Druck ist losgegangen. Schon mein Bruder USA, Costa Rica und auch der Vati-auf mir. Denn ich sprach nur Deutsch, wurde in Wien geboren. kan haben mit den Deutschen ge- eigentlich Wienerisch. Ich musste da- schützte Häuser ausgehandelt. Wir her sofort Ungarisch lernen, damit ich Haben Ihre Eltern 1938 die dro-
waren in einem schwedischen Haus in die Schule gehen konnte. hende Gefahr erkannt?
untergebracht, hatten schwedische Meine Eltern haben heftig gestrit- Papiere. Aber dann hielt dieses Ab- Ihre Eltern kamen aus Ungarn …
ten: Meine Mutter war die Präsidentin kommen nicht mehr. Mein Vater war Ja. Mein Vater wurde eigentlich im der jüdischen Frauenvereinigung, sie im Arbeitslager. Und da haben wir Gebiet der heutigen Ukraine geboren. wollte natürlich nach Palästina. Aber uns, mein Bruder und ich, selbstän- Er war im Ersten Weltkrieg als Kriegs- mein Vater wollte zurück nach Buda- dig gemacht. Mein Vater hatte uns gefangener in Sibirien, er hat dort pest: dort war die Firma, dort waren gesagt, dass wir uns an Salesianer-Russisch gelernt, 1919 ist er zurück- die Verwandten. Er hat sich durch- Priester wenden sollen. Und die ha- gekehrt. Das Unternehmen meines gesetzt. Leider, muss ich sagen. Weil ben uns in ihrem Kloster aufgenom-Großvaters in Budapest hieß „Alex- Budapest während der Nazizeit kein men. Es sprach sich natürlich herum, ander Landesmann und Söhne". Der Honiglecken war. dass dort jüdische Kinder versteckt Name änderte sich mehrfach, aber werden. Schon bald haben wir uns immer mit „Landesmann". 1920 gab Obwohl es noch keine Judenverfol-
nicht sicher gefühlt und sind weg – es einen Familienrat. Der Großvater gungen gab.
gerade rechtzeitig. Man hat uns dann hatte vier Söhne. Und ein bisschen Es gab zwar schon eine Art Nazi- in verschiedenen Häusern versteckt. so wie die Rothschilds – im winzigen herrschaft davor, die unangenehm Und zum Schluss sind wir in dieses Maßstab – haben sich die Söhne die war, aber erst dann ist es wirklich jetzt berühmt gewordene „Gläserne ehemaligen Länder der Monarchie ernst geworden. Meine Mutter starb Haus" geflüchtet. Das stand unter aufgeteilt: Mein Vater wurde nach im April 1944 an Krebs. Wir trugen Schweizer Protektorat. Mein Vater 22 nu 1·2009
war schon dort. Und dort haben wir Sie wollten also gar nicht in den
die Befreiung miterlebt. väterlichen Betrieb einsteigen?
Nein. Mein Vater wollte das auch Zu Kriegsende waren Sie erst 13 Jah-
nicht. Er sagte: Einer genügt, das ist re alt. In dauernder Lebensgefahr zu
der Peter, mein Bruder. Ich sollte et- sein: Wie gingen Sie damit um?
was Ordentliches lernen. Ich hab zu- Ich erzähle Ihnen eine kleine Anek- erst in London studiert, dann an der dote. Mein Cousin, der viel älter war, Sorbonne in Paris und zum Schluss an sagte zu mir: „Du wirst bald in die Sei- der Columbia University in New York. fenfabrik kommen." Ich war ziemlich Ich bin erst 1957 in die Firma einge- reinlich und daher sagte ich: „Na ja, Hans Landesmann wäre treten. Mein Vater starb im Februar das ist gar nicht so schlecht." Er klär- vielleicht Pianist geworden, ganz plötzlich – an einem Herzinfarkt. te mich auf: „Nein, aus Dir wird Sei- wenn ihm sein Vater nicht Ich unterrichtete damals schon, aber fe!" Von diesem Moment an hatte ich nahegelegt hätte, einen mein Bruder meinte, ich soll für ein Angst. Davor war das Herumziehen „bürgerlichen Beruf" zu erlernen. Jahr nach Wien zurückkommen. Mei- mit meinem Bruder ohne elterliche ne Frau blieb zunächst in Amerika. Aufsicht eher ein Abenteuer. Sie hatten sie auf der Universität
Haben Sie sich gefragt, warum man
Ihnen nach dem Leben trachtet?
Ja. Elaine war Sekretärin in der Ab- Unser Vater hat uns erklärt: Wenn teilung, in der ich arbeitete. Sie stu- es den Leuten schlecht geht, be- dierte französische Literatur. hauptet die Regierung immer, dass die Juden schuld seien. Das haben Ich nehme an, die Firma war 1938
wir verstanden. Denn wir gehörten beschlagnahmt worden. Es gab wohl
zu den Bessersituierten. Wir haben einen Sachverwalter oder Ariseur.
den Antisemitismus auf Neid zurück- Ja. Sonderbar: Er war Musiker. Ein Klavierlehrerin, die ins Haus gekom- Kapellmeister, Schmied hat er gehei- ßen. Er hat auch unsere Wohnung be- Dem „Falter" erzählten Sie, dass
schlagnahmt. Gleich nach dem Krieg man in Ihrer Familie nicht mehr
Sie hätten sich vorstellen können, – fast zeitgleich mit den Russen – kam
Deutsch gesprochen habe.
als Musiker Karriere zu machen?
mein Vater zurück nach Wien. Er Ja, wir haben uns von den Deut- Absolut, ich wollte das! In Wien wollte ihn aus der Wohnung schmei- schen abgewandt. Ich war nicht mehr ging ich gleich auf die Hochschule. ßen. Doch dessen Frau war krank und bereit, Deutsch zu sprechen. Was na- Aber mein Vater hat gesagt, ich müsse bat darum, ob sie nicht in einem Zim- türlich ein Blödsinn war. Denn da- zuerst einen bürgerlichen Beruf erler- mer bleiben dürften. Mein Vater hat durch verlernte ich die Sprache und nen, dann könne ich so viel Klavier das, weichherzig, erlaubt. Trotzdem musste sie, 1946 zurück in Wien, spielen, wie ich will. Er war sehr intel- hat der Nazi uns auf Wohnbesitzraub wieder neu lernen. Aber wir haben ligent und hat daher genau gewusst: geklagt – und gewonnen. Wir müss-versucht, das von der Kultur zu tren- Wenn ich einmal weg bin vom Kla- ten innerhalb kürzester Zeit aus der nen, die in unserer Familie einen sehr vier, dann wird es nie mehr ernsthaft. hohen Stellenwert hatte. Wir haben So hab ich das Studium aufgegeben. daher weiterhin die Musik deutscher Sie wurden also auch in der Zwei-
Komponisten gehört und die Bücher Und sich einer ganz anderen Mate-
ten Republik vertrieben?
deutscher Autoren gelesen. rie zugewandt. Warum Chemie?
Ja. Man hat uns rausgehaut. Es war Mein Vater sagte, ich soll mir einen eine wunderschöne Mietwohnung, Bereits mit sechs Jahren haben Sie Beruf aussuchen. Ihm war egal, wel-
Esteplatz 5. Später hatte der Nazi kein Klavier zu spielen begonnen. War das
cher. Ich hatte in der Schule Chemie, Geld, um die Miete zu bezahlen. Der Ihr Wunsch – oder der Ihrer Eltern?
Mathematik und Physik sehr gerne. Hauseigentümer, die Anglo-Elemen- Es der Wunsch meiner Mutter, dass Und ich hörte damals, dass Chemiker tar, hat ihm gekündigt und bot uns wir Klavier lernen. Aber wir wurden gesucht werden, dass Chemie in der die Wohnung an. Aber wir hatten na-nicht gezwungen: Es gab eben eine Zukunft sehr wichtig wird. türlich schon eine neue. Das war also 24 nu 1·2009
Mein Cousin sagte zu mir: „Du wirst bald in die Seifenfabrik kommen." Ich war ziem-lich reinlich und sagte: „Na ja, das ist ja gar nicht so schlecht." meine erste Erfahrung mit dem neuen Problemlos. Am Anfang war mein gelernt. Präsident Manfred Mautner Österreich. Ich wollte sobald als mög- Bruder mein Lehrmeister, weil ich kei- Markhof hat mich unheimlich unter- ne Ahnung vom Geschäft hatte. Spä- stützt: Ich konnte machen, was ich ter haben wir die Geschäftsbereiche wollte, musste mir nicht alles von drei Und trotzdem sind Sie 1957 zurück
aufgeteilt. Mein Vater hatte 1932 in Gremien absegnen lassen. nach Wien gekommen.
Niederösterreich nahe der Grenze zum Das war eine echte Überwindung Burgenland eine große Hühner- und Sie hielten Salzburg trotzdem die
für mich. Ich habe meinen damaligen Entenfarm gekauft. Sie wurde zweimal Treue: Sie gründeten ein neues Festi-
Beruf ja geliebt. Aber in Wien waren enteignet: nicht nur 1938 von den val, die „salzburg biennale", die heu-
mein Bruder und die Familie, der Be-
Nazis, sondern auch 1945 von den er im März das erste Mal stattfand.
trieb war zu leiten. Meine Frau hat Russen. Mein Vater war in der Nach- Wie kamen Sie auf die Idee?
sich gut eingelebt, und so sind wir kriegszeit Verwalter – auf seinem eige- Ich bin seit vielen Jahren im Prä- nen Gutsbetrieb. Heute ist der Betrieb sidium der Stiftung Mozarteum. Da- verpachtet. Jedenfalls: Mein Bruder durch habe ich Salzburg auch unter Ein prägendes Erlebnis für Sie war,
hat die Landwirtschaft und den Ver- dem Jahr kennengelernt: Ich stellte als Sie in Budapest Yehudi Menuhin kauf betreut, ich habe mich mit den fest, dass es sehr viele Leute und vor
hörten.
Finanzen beschäftigt. Wir haben eine allem auch gute Institutionen gibt, die Damals, im Frühjahr 1945, herrsch- fantastische Zusammenarbeit – seit sich mit neuer Musik beschäftigen. te noch Kriegszustand. Ich sah ein nun schon fast 53 Jahren. Es gab nie Aber sie haben weder das Geld noch Plakat mit dem Namen Yehudi Men- einen Streit.
die Infrastruktur und das Gewicht, uhin, schaute aber nicht näher hin. um etwas Größeres zu realisieren. So Ich dachte, das war eine Ankündi- Auch in strategischen Fragen wa-
schlug ich Bürgermeister Heinz Scha- gung für eine Schallplatte. Und dann ren Sie immer einer Meinung?
den vor, all die Initiativen unter einen fragte mich ein Freund, ob auch ich Er war und ist das Lenkrad, ich die Hut zu bringen und alle zwei Jahre et- mir das Konzert in der Musikakade- Bremse. Mitunter habe ich ihn schon was Größeres auf die Beine zu stellen. mie anhören werde. Natürlich bin ich ein bisschen einbremsen müssen. Er Die Idee hat ihm gefallen. hingegangen. Menuhin war der erste war immer voll Tatendrang. Und ich große ausländische Künstler, den ich war eher der Vorsichtige. In Ruhestand zu gehen – das
hörte. Es war überwältigend. kommt für Sie also nicht in Frage?
Was hat Ihnen mehr Freude ge-
Im Moment ist das keine Opti- Ihre Salzburger Zeit – Sie waren macht: im Familienbetrieb zu arbei-
on. Ich muss zwar nicht dauernd ein Konzertchef und kaufmännischer Di-
ten – oder im Musikmanagement?
Festival ins Leben rufen und werde rektor – begann erst 1989. Als Musik-
Zurückblickend würde ich sagen: das auch nicht mehr. Aber dass ich manager sind Sie aber bereits seit Das Schöne war die Abwechslung. Das
irgendwo ein bisschen mitmische, das 1964 aktiv. Wie kam es dazu?
Geschäft war eine wichtige Rückende- möchte ich schon noch. Die Frau von Peter Weiser war ei- ckung: Ich war nicht angewiesen auf ne gute Freundin und Arbeitskollegin meinen Musikmanagement-Job. Ich Sie haben zwei Töchter und einen
meiner Frau. Er war Generalsekretär konnte daher mehr riskieren als ein Sohn, mittlerweile schon mehrere En-
des Konzerthauses und suchte junge anderer, der davon leben musste.
kelkinder: Werden Sie die Firma ir-
Direktoriumsmitglieder. Er lud mich gendwann der nächsten oder über-
ein. So bin ich eben in die Musikwelt Für welche Institution haben Sie nächsten Generation übergeben?
am liebsten gearbeitet? Für die Wie-
Nein. Von den Kindern – auch de- ner Festwochen?
nen meines Bruders – arbeitet nie- Sie folgten Peter Weiser von 1977
Nein, sie waren das Schlimmste. mand mit. Und niemand wird die bis 1984 als Generalsekretär nach. Es ist ein Blödsinn, wenn die Wiener Firma übernehmen. Gott sei Dank.
Es sei nicht so schwer gewesen, bei-
Festwochen im Theater an der Wien Denn sie war ein Mittler zwischen de Jobs parallel auszuüben, sagten in Untermiete Opern realisieren. Die den Fleischproduzenten und den Ver-
Sie einmal: Der Fleischhandel sei ein Salzburger Festspiele waren natürlich brauchern, also den Fleischhauern.
Frühgeschäft, im Kulturbetrieb ist vor
viel prominenter, aber meine schöns- Der Zwischenhandel war unser Ge- zehn nicht viel los. Wie funktionierte te Zeit war eindeutig das Konzerthaus.
schäft. Aber das hat sich in den letz- die Zusammenarbeit mit Ihrem Bru-
Dort bin ich aufgeblüht, dort hab ich ten Jahren aufgehört. Es braucht uns all die großartigen Künstler kennen- 1·2009 nu 25
FOTO : DANIEL JOSEFSOHN Jude, nicht normal Oliver Polak hat eine Marktnische in der deutschsprachigen Comedy entdeckt: Er scherzt und provoziert zielgenau im sensibel-komischen Feld aus Judentum, Antisemitismus und Philosemitismus. Darf man das? Ja, er schon, sagt er, er sei Jude.
mit „normal" oder „Jude" die Religionszugehörig-keit bestimmen. Manches ist leicht: „Reich-Rani-cki?" „Jude!", tönt es im Saal des Wiener Rabenhofs. Es ist ein nicht unlustiges Spiel und heißt
„Schnapp den Juden!": Oliver Polak muss am Anfang noch ein bisschen Überzeu-gungsarbeit beim Wiener Publikum leisten. Wobei Polak schon darauf Wert legt, dass das Wort „Genießt das einmal, das dürft Ihr sonst nie laut Jude bitte nicht wie ein Schimpfwort auszuspucken über jemanden sagen." Oder: „Ein Spaß für die gan- ist, sondern freundlich quasi lobend, wie „Happy ze Familie, wie zu Großvaters Zeiten." Und es ist Birthday" intoniert werden sollte, so wie „Juuuhu- wirklich einfach: Polak sagt einen mehr oder weni- hude!" Nächster Name: „Alfred Biolek?" „Jude!", ger prominenten Namen und das Publikum muss tönt es reflexartig aus dem Publikum. „Nein, ganz 26 nu 1·2009
„Mit der Vergangenheit wird Geschäft gemacht. Egal, ob „Stern" oder „Spiegel": Mit Adolf Hitler oder Titten verkauft sich das besser. Am besten mit beidem." falsch", feixt Polak, dem in seinem Kapuzenswea- muss er noch im Kinderwagen sitzen, damit er sich ter und seiner schwarzen Lederjacke ziemlich heiß nicht unerlaubt entfernen kann, und seine Mutter sein dürfte: „Biolek ist sicher kein Jude. Nur weil ihr hätte später am liebsten selber ihr Abitur nachholen euch vorstellet, wie ein kleiner dünner Mann ge- wollen, damit sie in der Schule neben Oliver hätte bückt Mazzes-Knödel zubereitet, ist Biolek noch lan- sitzen können. Sein Vater begleitet Oliver zur Mus- ge kein Jude." Und Iris Berben? „Normal." Aber Vor- terung bei der Bundeswehr; als Jude ist der junge sicht: Nach dem ersten Prosecco beginne sie von ir- Polak vom Präsenzdienst befreit, er unterzieht sich gendwelchen jüdischen Wurzeln zu schwafeln. Letz- zum Zeitvertreib dennoch der Prüfung: Der Vater ter Versuch: „Das ist jetzt leicht: Oliver Polak?" Alle bezichtigt die Kommission prompt, gewisse Metho- rufen begeistert: „Jude!" Darauf der: „Nein, ich bin den zu wiederholen. Polak erzählt das alles in einem normal, ich mache das nur wegen des Geldes." ironischen, wunderbar bösen Stil; dieser brachte ihn Stimmt nicht. Nein, auch wieder falsch: Der nach seiner jüdischen Schule in Großbritannien – Mann ist Jude, aber wegen des Geldes macht er es „zu teuer, um zu scheitern" – als Moderator zu Viva schon auch, immerhin sind Comedy und Satire sein und danach mit seiner jüdischen Nabel-, aber auch Job. Und nicht schlecht, sein Buch „Ich darf das, ich Deutschland-Beschau auf die Kabarettbühne. Wie so bin Jude" verkauft sich gut und die Zeitungen fei- viele seiner Branche ist der Mann im persönlichen ern ihn. (Würden Sie sich auch trauen, ihn zu ver- Gespräch ernster als die meisten anderen Zeitge- reißen? Einen Juden? Eher nicht, aber egal.) nossen. Oder so zynisch, dass man ihn schon wie- Henryk Broder nennt ihn jedenfalls ehrfurchts- der ernst nimmt.
voll „Jud süß-sauer". Oliver Polak ist auch der ein- Ob nicht gerade seine vom deutschen Publikum zige deutschsprachige jüdische Komiker mit Schä- beklatschten Pointen, in denen schon einmal der ferhund und Kapuzenpulli, er fällt auf, indem er Holocaust eine Rolle spielen kann, auch beweisen, schon im Vorwort schreibt: „Lassen Sie uns unver- dass die Vergangenheitsbewältigung in Deutschland krampft miteinander umgehen. Treffen wir eine gelungen sei? Nein, das sieht Polak im persönlichen Vereinbarung für die Dauer der Lektüre: Ich verges- Gespräch ganz anders: „Es wird noch heute damit se die Sache mit dem Holocaust, und Sie verzeihen Geschäft gemacht. Egal, ob ,Stern‘ oder ,Spiegel‘: uns Michel Friedman." Mit Adolf Hitler oder Titten verkauft sich das bes- Der heute 32-Jährige, ehemaliger Viva-Modera- ser. Am besten mit beiden." Und das erste deutsche tor und Sohn gläubiger Juden, versteht das Spiel Nachrichtenmagazin hat es ihm überhaupt angetan: der Provokation, des Anti- und vor allem des Phi- „Wenn Stauffenberg Erfolg gehabt hätte und Hit- losemitismus wie kaum ein anderer. Er könnte zu ler gestorben wäre, würde der ,Spiegel‘ nicht exis- einem Nichtjuden sagen: „Holocaust!" Um dann tieren." (Apropos Stauffenberg: Der aktuelle Kino- fortzusetzen mit: „Wieso schauen Sie so ernst und film hat laut Polak im Gegensatz zum realen Vor- lächeln nicht mehr? Haben Sie ein schlechtes Ge- bild ein Happy End, denn am Schluss stirbt doch wissen? Waren Sie oder Ihre Familie also auch dar- Tom Cruise.) Die Geschäftemacherei mit Hitler fin- an beteiligt?" Aber Polak erzählt auch von seinem det Polak jedenfalls bedenklich bis erschreckend Leben als amüsierter jüdischer Außenseiter in ei- – „weil dann ist es eigentlich nur noch eine Frage ner deutschen Kleinstadt irgendwo in Niedersach- der Zeit, bis es Führer-Wochen bei McDonald's gibt, sen. Dort lernt er etwa Alf im TV kennen und lie- mit Hamburger Hitler Royal und Chicken McGoeb- ben: „Das muss doch auch ein Jude sein, er hat eine bels. Und als Sauce Jud süß-sauer". Und das regt den lange Nase und er wird von der US-Familie vor den sonst so abgeklärten Komiker fast wirklich auf.
Gestapo-Behörden versteckt." Und statt Kindern es- O.K., diese Vergleiche bringt er auch im Raben- se er eben Katzen.
hof an, aber er wirkt auch die Spur emotionaler als Polaks Vater, ein KZ-Überlebender, ist nach 1945 er lässig zwischen zwei Pointen fragt, ob ein paar in die alte Heimat zurückgekehrt, hat ein Kleider- jüdische Single-Frauen um die 25 da seien, die ihm geschäft aufgesperrt, die Mutter kam in den 70er- vielleicht gegen die Einsamkeit in dem Hotel beim Jahren aus Leningrad. Sie ist bestimmende Figur Wiener Westbahnhof helfen könnten. Single-Frauen und uneingeschränktes Familienoberhaupt, das den schon, sogar jüdische, aber doch die Spur älter wie Sohn am liebsten zu Hause sieht und ihn erzieht. er nach abschätzigem Blick in die erste Reihe fest- Etwa so: Wenn sie Oliver einen grünen oder einen stellt: „Entschuldigung, Sie könnten meine Mutter roten Pullover kauft, und er trägt den grünen, fragt sein." Darf man das? Er schon, er ist Komiker. Im sie, warum er den roten nicht mag. Mit vier Jahren Herbst kommt er wieder nach Wien.
1·2009 nu 27
Eine Jazzerin aus Tel Aviv erobert New York Anat Cohen ist eine junge Jazz-Musikerin aus Israel, deren Stil amerikanische Kritiker ins Schwärmen bringt. Auch NU findet, dass man sich ihren Namen merken soll.
EINE EMPFEHLUNG VON HERBERT VOGLMAYR Hierzulande noch so gut wie unbekannt,
ist die israelische Jazz-Musikerin Anat Co-hen in der Jazz-Szene ihrer Wahlheimat New York ein ganz heißer Tipp und wird mit Auszeichnungen geradezu überhäuft. Sie wur-de als erste Bläserin überhaupt in den berühmten New Yorker Jazz-Club „Village Vanguard" eingela-den und, ebenso erstmalig, in zwei aufeinanderfol-genden Jahren (2007 und 2008) von der „Jazz Jour-nalists Association" als „Clarinetist of the Year" und 2007 dazu noch als „Up & Coming Musician of the Year" (vielversprechendster Musiker des Jahres) ge-kürt. Vom Jazz-Magazin „Down Beat", der führen-den Zeitschrift dieses Musikgenres, wurde sie eben-falls für 2007 und 2008 zum „Rising Star Clarinetist of the Year" gewählt. Selbst seriöse Blätter wie die Washington Post kommen bei ihr ins Schwärmen: „Mit Anat Cohen hat eine der strahlendsten und originellsten jungen Instrumentalistinnen die Bühne des Jazz betreten. Sie hat das Vokabular des Jazz erweitert und in ihrer un-verwechselbaren Schaffensweise ihren höchstpersön-lichen Akzent gefunden." Vor kurzem kam sie mit Jason Lindner (Piano), Joe Martin (Bass) und Dani-el Friedmann (Schlagzeug) erstmals nach Österreich und hat am 23. Februar 2009 im Radiokulturhaus ein mitreißendes Konzert gegeben.
Anat Cohen stammt aus einer musikbegeisterten Familie in Tel Aviv und spielte zunächst auf der Kla-rinette ihres Vaters, bevor sie als Zwölfjährige mit der Ausbildung am Konservatorium ihrer Geburts-stadt und dann in einer Dixieland-Band zu spielen 28 nu 1·2009
„Mit Anat Cohen hat eine der strahlendsten und originellsten jungen Instrumentalistinnen die Bühne des Jazz betreten", schreibt die Washington Post.
begann. Während der Highschool war sie auch Mit- go verbindet, klassischen brasilianischen Choro und glied eines klassischen Kammerensembles und be- zeitgenössische brasilianische Musik einbezieht und gann sich dann auf Jazz, insbesondere Latin Jazz zu Wege findet, um Klezmer-Musik und klassische Stil- konzentrieren. Ihren Militärdienst absolvierte sie als elemente mit aufzunehmen.
Tenorsaxofonistin in der Israeli Air Force Band. Im Sie hat sich damit im Big Apple als herausragende Gespräch vermittelt sie den Eindruck, dass sie ihre Stimme ihrer Generation etabliert, wovon die ein- Talente in einer ungezwungenen und der Kreativität gangs genannten Auszeichnungen Zeugnis ablegen. förderlichen Familienatmosphäre entwickeln konn- Zu ihrem letzten Album „Notes from the Village" te: „Ich bin in eine sehr musikalische Familie hinein- schreibt das Jazz-Magazin „Down Beat": „Cohen ver- geboren. Mein Vater ist sowieso ein Naturtalent, egal steht es, ihre melodische Begabung mit der Geläufig- welches Musikinstrument er in die Hand nimmt, er keit ihrer Improvisation zu verbinden, und das mit spielt es perfekt. Meine Mutter unterrichtet Musik an einer Leichtigkeit, die ihresgleichen sucht." Sie selbst einem Kindergarten in Tel kommentiert ihre Entwick- Aviv, meine beiden Brüder lung so: „Die Welt rückt (der Saxofonist Yuval und immer mehr zusammen. der Trompeter Avishai) und Jazz ist heute ein sehr wei- ich waren immer von Mu- ter Begriff geworden, ich sik umgeben. Uns wurde verstehe Chucho Valdés, nie die Frage gestellt, wel- der meint, dass sich die chen ‚richtigen‘ Beruf wir Kreativität am meisten im eines Tages wählen sollten lateinamerikanischen Jazz – im Gegenteil: Die Eltern manifestiert. Jazz wird zu- förderten uns auf allen Ebe- nehmend Welt-Musik. Wir nen, und ich denke, sie ha- bekommen so viele Zugän- ben tausende Stunden ver- ge überall hin, aber auch bracht, indem sie während Informationen von überall unserer Privatstunden auf her, wir experimentieren mit verschiedenen Rhyth- 1996 wurde sie am men, mit Samples, Mixes. Berklee College of Music Ich weiß noch nicht, ob in Boston, Massachusetts, das gut ist oder schlecht, zugelassen und nutzte ih- aber ich merke, dass wir re Ausbildungszeit unter Brücken schlagen in so anderem für den inten- viele Richtungen der Welt. siven Austausch mit Kol- Das ist es, was ich persön- leginnen und Kollegen aus lich unter Crossover verste- aller Welt. Während der Semesterferien pflegte sie In Österreich ist es noch New York zu besuchen, um einigermaßen mühsam, die mannigfachen Musik- CDs von Anat Cohen auf- welten der dortigen Jazz- zutreiben, mittels Internet Szene kennenzulernen. Auf diese Weise lernte sie, kommt man jedoch leicht an ihre Musik. Am besten die rhythmische Vielfalt verschiedener Jazz-Stile mit verschafft man sich einen ersten Eindruck mit einer ihrer eigenen musikalischen Verwurzelung im Nahen Hörprobe auf ihrer eigenen Website (www.anatco- Osten und im Mittelmeerraum zu verbinden. Heu- hen.com), um dann, wenn man will, bei Anzic Store te reüssiert sie nicht nur als Klarinettistin und Saxo- (www.anzicstore.com) oder Amazon (www.amazon.
fonistin, sondern auch als Bandleader und profilier- com) einzukaufen. Neben dem schon erwähnten te Komponistin, die eine Meisterschaft darin entwi- letzten Album „Notes from the Village" ist auf CD ckelt hat, Brückenschläge zwischen modernem und noch ihr Debüt-Album „Place and Time" verfügbar traditionellem Jazz herzustellen. Sie inszeniert wah- sowie „Noir", „Poetica" und schließlich „Braid", das re musikalische Feuerwerke, indem sie Jazz mit afro- sie mit ihren beiden Brüdern Yuval und Avishai unter kubanischen Stilelementen und argentinischem Tan- dem Namen „The 3 Cohens" eingespielt hat.
1·2009 nu 29
SERIE JÜDISCHE MUSEEN
Ein schönes Gefäß mit wenig InhaltDaniel Libeskind schuf für das jüdische Museum Kopenhagen einen wunderbaren Ausstellungsraum. Wer es ganz verstehen will, sollte eine Führung nehmen. Auf einer Insel inmitten
der Großstadt Kopenha-gen liegt das Parlament, das Zentrum der Macht. Früher einmal befand sich hier das Schloss, dem die Insel ihren Namen verdankt: Schlossholmen. Auch eini-ge Museen haben hier ihren Platz ge-funden. Im Zentrum dieses Ortes der Macht und der Kultur liegt ein stiller Garten, wo sich einst der Kriegsha-fen mit seinem Provianthaus befand, das dann später zur königlichen Bi-bliothek wurde. In diesem Idyll, ein-geklemmt zwischen den geschichts-trächtigen Backsteingebäuden, liegt das erst 2004 eröffnete dänische jü-dische Museum. Eine kleine Pforte in einer großen Mauer führt den Be-sucher in winzig kleine, schiefe Räu-me, die auf den ersten Blick Kata-komben gleichen. Vieles in Dänemark ist klein. Das Land als Ganzes oder die Meerjung-frau. Und auch das jüdische Muse-um. Mit seinen nur 400 Quadratme-tern Ausstellungsraum ist es nicht größer als zwei Patrizierwohnungen. Die Raumausnützung aber ist op-timal. In sich verflochtene Gänge buchten sich durch den Raum. Sie tun das auf unebenem Boden. Manch ein Besucher klagt schnell einmal über Seekrankheit. Diese Assoziati-on ist gewollt. Das jüdische Museum in Kopenhagen wurde vom Dekons-truktivisten Daniel Libeskind ent-worfen und soll mit seinem welligen Boden an die Rettung der dänischen Das Entree zum Museum: Betonbänke als Blickfang 30 nu 1·2009
Juden bei hohem Seegang über den Sund nach Schweden erinnern. Für das kleine, jüdische Museum war es eine Auszeichnung, Libeskind als Ar-chitekten zu gewinnen. Er hob die Formen der historischen Räumlich-keiten auf und schuf eine neue, sym-bolisch verdichtete Form, die selbst zum Inhalt wird. Über allem schwebt das Wort Mitzvah, „die gute Tat", als die die Rettung der dänischen Juden erlebt wird. Die hebräischen Buchsta-ben, die auch im Logo des Museums erkennbar sind, machen die Struktur des Raumes aus. Das muss man aller-dings wissen, um es zu erkennen.
Überraschende Lichteinfälle sowie schräge Wände, die in die winzigen Fenster eingelassen sind, hinter de-nen sich die Museumsgegenstän-de und Täfelchen mit Erklärungen sammeln, sind Wegweiser. Libeskind bündelt sie in fünf Gruppen: Exodus steht für die Geschichte der Einwan-derung, Wildnis enthält die vielen religiösen, kulturellen und sozialen Identitäten, Empfang der Gesetzes-tafeln zeigt die Traditionen in Texten und Gegenständen, Gelobte Länder Wie auf einem schwankenden Schiff fühlt man sich im Inneren.
widmet sich jüdischen Idealen wie Assimilation, Sozialismus, Zionis-mus. Mitzvah zeigt letztendlich den waren sie auf der Flucht vor Antise- von ihnen gerettet. Nur 53 Men- fast mythologischen Höhepunkt all mitismus und Verfolgung. Für Däne- jüdischen Lebens in Dänemark: die mark spricht, dass bei allen Vor- Das kann durchaus als das dä- durch Dänen vermittelte Fluchter- behalten, in diesem Land niemals nische Wunder bezeichnet werden. Juden ermordet wurden. In Wahrheit war alles viel komplexer, Die Geschichte der Juden in Däne- Wie andere Länder in Europa wur- aber es ist das eine wunderschöne Ge- mark ist kurz. Die ersten, vor allem de auch Dänemark von der Deut- schichte, von der man nicht genug wohlhabende Juden kamen Mitte schen Armee besetzt. Aber ungleich bekommen kann, wenn man wie ich des 17. Jahrhunderts. Sie brachten anderen Ländern blieben Juden in in Österreich aufgewachsen ist. An-Geld mit und erhielten dafür Privi- Dänemark mehr oder weniger un- geblich haben die Nachbarn sogar legien. Die Ärmeren wurden ausge- behelligt – bis zum Oktober 1943, die Blumen der geflüchteten Juden wiesen. Als im 19. Jahrhundert den als die Besatzungsmacht auch hier gegossen und deren Katzen gefüttert. Juden die Gleichberechtigung zuge- „Judenaktionen" plante. Innerhalb Man erzählt sich auch, dass der Kö- standen wurde, war diese Maßnah- weniger Tage wurden fast alle Ju- nig mit dem Davidstern an der Brust me von Unmut weiter Bevölkerungs- den gewarnt und versteckt und da- durch die Straßen Kopenhagens ritt. teile begleitet. Dann jedoch passten nach von dänischen Fischern über Das aber ist wirklich nur eine fan-sich alle an. Vor dem Ersten Welt- das Meer gerettet. Schweden nahm tasievolle Erzählung, die Dänemark krieg kamen neue Juden aus Russ- die etwa 7.000 Juden aus Dänemark viel Ruhm eingebracht hat. land, vor dem Zweiten Weltkrieg aus als Flüchtlinge auf. 475 schafften Die Räume des Museums sind den deutschsprachigen Gebieten, es nicht, sie wurden nach Theresi- wie ein gut geformtes Gefäß, das Ende der 1960er Jahre aus Polen, alle enstadt deportiert, aber die meisten noch der Füllung mit der Geschichte 1·2009 nu 31
SERIE JÜDISCHE MUSEEN:
Nächste Ausgabe:
NU 36 Barcelona
NU 34 London
NU 30 Basel
NU 33 Hohenems
NU 29 Sydney
NU 32 Buenos Aires
NU 28 München
NU 31 Wien
NU 27 Berlin
Beispiele aus der Sammlung des Museums: Die Geschichte des dänischen Judentums ist kurz.
und dem Leben harrt. Libeskinds passt. Vielleicht bin ich doch nicht nisch-jüdisches Museum noch dazu Idee ist Verpackung. Erst die Ausstel- dänisch oder jüdisch oder typisch in so wunderschöner zentraler Lage lungen füllen den Raum. Wer und genug? einzurichten, ist ein Wunder. Dass was ist auszustellen? Wer soll sich Direktorin des Museums ist eine Daniel Libeskind sich bereit erklär- das alles anschauen? Wer es herzei- Ethnologin, die in der dänischen te, das Museum zu entwerfen, umso gen? Das Museum wendet sich vor Museumswelt gut verankert ist, was mehr. Besonders erstaunlich aber allem an die Außenwelt, es will den helfen sollte, dem Museum die finde ich, dass das Museum laut Pu-Dänen zeigen, wer ihre Juden sind. staatliche Anerkennung durch die blikumsumfrage so viele zufriedene Es will damit wohl auch Prototyp Kulturerbebehörde zu verschaffen. Besucher zu verzeichnen hat. Aber für ein Minderheitenmuseum sein, Das könnte finanzielle Hilfe brin- vielleicht weilen manche nur voll das Minderheit wie Mehrheit in ih- gen, denn Geld für Neuanschaf- Sympathie bei der Vision des dä- rer Vielfalt zeigt. Wer aber gehört der fungen gibt es heute ebenso wenig nischen Volkes, das gut zu seinen Ju- Minderheit an? Hier leistet das Mu- wie Platz für Sonderausstellungen. den war.
seum sicher Neues: Jude ist hier, wer Kustode ist ein minderheiteninter-sich selbst als Jude erlebt. Das Mu- essierter Historiker. Unterstützt wer- seum will nicht so sehr Judaica zei- den sie in ihrer Arbeit von jüdischen gen, als all das, was jüdisches Leben Freiwilligen und studentischen Prak- in seinem historischen Kontext be- tikanten aus vielen Fachbereichen, leuchten kann.
die eingeschult werden und fachge- „Räume und Geräumigkeit" nennt rechte Führungen veranstalten. Telefon: +45 3311 2218
sich die Ausstellung und will damit Ich habe das Museum selbst mehr- www.jewmus.dk (dänisch und englisch)
eben diese Vielfalt und Toleranz ein- fach besucht. Die Idee Libeskinds fangen und umfassen. Interessan- und der Museumsleitung wurden terweise fühle ich mich selbst trotz mir dabei nicht zugänglich. Erst als Sommer (1.6. bis 31.8.):
Dienstag bis Freitag 13–16 Uhr,

der Vielfalt nicht angesprochen, da- ich mir das Museum für diesen Ar- Samstag und Sonntag 12–17 Uhr
bei lebe ich seit 40 Jahren in Däne- tikel vom Kustoden zeigen ließ, ver- Winter (1.9. bis 31.5.):
mark. Nur einige alte Scheren von stand ich die Zusammenhänge. Ich Dienstag bis Sonntag 10–17 Uhr
Schneidern aus Galizien ähneln der empfehle allen Besuchern der Stadt meiner Großmutter, die sie aus dem einen Besuch im Museum, aber un-Stetl nach Wien mitbrachte. Es gibt bedingt mit einer Führung. Dass es EINTRITTSPREISE: Kinder und
in diesem Museum trotz der Vielfalt trotz einer marginalen jüdischen Jugendliche (bis 16 Jahre): freier Eintritt
keine jüdische Identität, die zu mir Bevölkerungsgruppe gelang, ein dä- StudentInnen und SeniorInnen: 30 DKK
Erwachsene: 40 DKK

32 nu 1·2009
Wenn die Ostküste wieder einmal schuld ist Lehmann Brothers, Alan Greenspan, Bernard Madoff: Rund um die Wirtschaftskrise gibt es viele jüdische Akteure. Besteht die Gefahr eines wieder erstarkenden Antisemitismus? EINE ANALYSE VON ERIC FREY war kein Randphänomen, sondern ab Mitte der Drei-ßigerjahre – auch dank geheimer Unterstützung aus dem Dritten Reich – eine zentrale Figur in der ameri- Die heutige Finanz- und Wirtschaftskrise
ist nicht nur ein ökonomisches und poli-tisches Jahrhundertereignis, sondern auch ein groß angelegtes Experiment in ange- kanischen Politik. Seine gehässigen Worte fielen auf wandter Geschichtsschreibung. Vieles, was heute ge- einen fruchtbaren Boden. Denn Antisemitismus hat- schieht, erinnert an die Weltwirtschaftskrise der Drei- te in den USA eine lange Tradition und wurde durch ßigerjahre. Und die Bemühungen der Politik orien- den Zorn der Bevölkerung auf die Wall-Street-Finan- tieren sich an der Frage, wie man jene Fehler, die da- ciers, denen viele die Schuld an der Depression und mals aus einer Rezession eine katastrophale Depres- Arbeitslosigkeit zuschoben, weiter angeheizt.
sion gemacht haben, diesmal vermeiden kann. An- Coughlin verlor zwar ab 1940 immer mehr an Ein- ders als 1930 senken die Notenbanker diesmal die fluss und nach dem Kriegseintritt der USA wurde sei- Zinsen radikal und nehmen die Regierungen Milli- ne Radiosendung 1942 eingestellt. Aber seine Hetze ardenschulden auf, um die Konjunktur zu beleben. trug dazu bei, dass die Roosevelt-Regierung den meis- Fast täglich wird vor einem Rückfall in den Protek- ten jüdischen Flüchtlingen die Einreise verwehrte – tionismus gewarnt, der damals so verheerend ge- und manche sogar zurück nach Europa und damit in die Gaskammern schickte. Philip Roths erschre- Einem anderen Schreckenssymptom der Dreißiger- ckende Vision einer offen antisemitischen Regierung jahre wird derzeit hingegen noch wenig Augenmerk in seinem Roman „The Plot Against America" mag gewidmet: dem Erstarken des Antisemitismus. Es war zwar erfunden sein, hatte aber einen sehr realen his- ja nicht nur in Deutschland, dass Juden zu Sünden- böcken für die ökonomischen Probleme gestempelt Potenzielle Parallelen zu heute drängen sich auf. wurden. In ganz Europa wuchs der Judenhass wei- Schließlich war es die einst von deutschen Juden ter an und vergiftete auch in demokratischen Staa- gegründete Investmentbank Lehman Brothers, de- ten wie England und Frankreich zeitweise das Klima. ren Exzesse und Kollaps im September 2008 erst ei- Und auch die USA erlebten in den Dreißigerjahren ne Bankenkrise in eine globale Wirtschaftskrise ver- eine Phase, in der Antisemitismus sich zum Massen- wandelten. Die Hauptverantwortung für viele wirt- phänomen auswuchs und auch politisch gefährliche schaftspolitische Fehler wird von mehreren Kom- Dimensionen annahm.
mentatoren dem ehemaligen Vorsitzenden der US- Dies wurde vor allem von der Person des kana- Notenbank Federal Reserve, Alan Greenspan, zuge- disch-amerikanischen Priesters Charles Coughlin ge- schoben; und auch sein Nachfolger Ben Bernanke tragen, der Woche für Woche in seinen Radiopre- ist Jude. Seit der Verhaftung des Milliardenbetrü- digten gegen Juden hetzte. Der katholische Geistliche gers Bernard Madoff im Dezember 2008 haben die 34 nu 1·2009
Das Medieninteresse am Fall des US-Investors Bernard Madoff ist riesig. Exzesse der vergangenen Ära „Damals wie heute waren niger anfällig für Wirtschafts- schließlich ein prägnantes Ge- jüdische Banker sicht erhalten – und es ist ein Damals wie heute waren jüdisches. Der Boden wäre ei- am Börsen- und Bankenkrach viele jüdische Banker und gentlich aufbereitet für ein Investoren am Börsen- und Wiedererwachen des Antise- Bankenkrach beteiligt, aber mitismus, sowohl in Europa aber die Mehrheit die Mehrheit der Verantwort- als auch in den USA.
lichen waren nichtsdestowe- der Verantwortlichen waren Tatsächlich warnte der Prä- niger Nicht-Juden. Nur wenn sident der Anti-Defamation in den Köpfen der Menschen League, Abraham Foxman, die Juden als Sündenböcke Nur wenn in den Köpfen im vergangenen Herbst ge- schon festsitzen, kann aus nau vor dieser Entwicklung der Menschen die Juden als dieser Konstellation das Bild und zitierte dabei einige an- einer jüdischen Verschwö- Sündenböcke festsitzen, onyme Postings und Videos auf YouTube. Aber von einem kann das Bild einer jüdischen Im Madoff-Skandal ist der Breitenphänomen ist bisher Hauptschuldige zwar Jude, nichts zu merken. Der böse und alle rund um ihn wa- Geist des Antisemitismus ist ren es auch. Aber in diesem in der Flasche geblieben – in den USA ohnehin, und Fall war es möglicherweise ein Glück, dass auch der trotz aller anti-kapitalistischen und anti-amerika- Großteil der Opfer seines Pyramidenspiels jüdische nischen Emotionen auch in Europa. Der Satz von der Investoren oder Institutionen waren. Wäre es an- Geschichte, die sich fast zwangsläufig wiederholt, ist ders gewesen, hätten wir zwar auch keine Pogrome doch nur ein Klischee.
auf den Straßen von Manhattan erlebt, aber zumin- Es hat sich etwas geändert in den vergangenen dest wäre die Sorge vor antisemitischen Reaktionen 80 Jahren. Damals war der offene Judenhass in allen Industriestaaten, selbst in den USA, ein Leitmotiv der Jetzt kann man nur hoffen, dass es den Politikern Politik. Heute mögen diese Vorurteile immer noch la- und Notenbankern tatsächlich gelingt, die Weltwirt- tent vorhanden sein, aber sie werden im öffentlichen schaft in Bahnen zu lenken, die nicht mehr jenen Diskurs nicht mehr ausgesprochen. der Dreißigerjahre gleichen. Denn auf das soziolo- Auch der Charakter des Antisemitismus hat sich gische Experiment, in dem getestet wird, ob unse- gewandelt. In Europa gehen antijüdische Hetze und re Gesellschaften im Falle dramatischer Arbeitslosig- Gewalt meist von Gruppen aus, die Israel und seine keit und Verelendung wirklich gegenüber dem anti- Verbündeten im Visier haben – nicht die Wall Street. semitischen Virus immun sind, wollen wir alle ger- Christlicher Antisemitismus wurde zunehmend vom ne verzichten.
islamischen Anti-Judaismus verdrängt, und dessen Träger sind mit anderen Themen als der Finanzkri- se beschäftigt. Gerissene jüdische Financiers gehö- Unser Autor Eric Frey, Chef vom
ren zwar immer noch ins Repertoire antisemitischer Dienst bei der Tageszeitung „Der
Vorurteile, aber sie werden von den Bildern des grau- Standard" und profunder Kenner der
samen israelischen Soldaten und des perfiden Ein- USA, hat ein neues Buch geschrie-
flüsterers der „Israel Lobby" in den Korridoren der ben: „Mit der Krise leben lernen.
Macht in Washington überschattet. Das macht den Finanzpolitik und Geldanlage in stür-
neuen Antisemitismus nicht sympathischer, aber we- mischen Zeiten" ist im Linde-Verlag
erschienen und kostet 25,60 Euro.

1·2009 nu 35
Elektrische Träume Ein israelischer Dotcom-Millionär will dem Elektroauto zum Durchbruch verhelfen. Autofahren soll wie Handytelefonieren werden. NU recherchierte die Hintergründe.
VON MICHAEL LACZYNSKI schritts als einer jener Visionäre ein- keit getestet werden: Die Gesellschaft gehen wird, die zur falschen Zeit am ist reif für den Wandel – und die Tech-falschen Ort die prinzipiell richtige nik ebenso.
Ist das Auto in Zeiten des Klima-
wandels, prekärer Arbeitsverhält-nisse und eines Spritpreises jen-seits der 1-Euro-Marke immer Idee hatten. Der 40-jährige aus Isra- Zunächst einmal ist es das Ge- noch ein Blech gewordenes Stück per- el stammende Dotcom-Millionär, der schäftsmodell, das stutzig, aber auch sönlicher Freiheit oder ist es in der sich sein Vermögen bei der Software- neugierig macht. Agassi will nämlich kollektiven Wahrnehmung zu einem Schmiede SAP verdient hat, will näm- keine Fahrzeuge verkaufen, sondern kostspieligen Haushaltsgerät verkom- lich dem Elektroauto zum Durchbruch Mobilität. Better Place, vor zwei Jah- men, einem Kühlschrank auf Rädern? verhelfen – weltweit, flächendeckend ren im Silicon Valley mit einem Start-Von der Antwort auf diese Frage hängt und zu einem, wie er sagt, vernünf- kapital von 200 Millionen Dollar ge- es ab, ob Shai Agassi mit seinem Pro- tigen Preis. Dabei geht Agassi von zwei gründet, soll nach dem Prinzip der jekt „Better Place" Erfolg haben oder Grundannahmen aus, die im Laufe der Handynetzbetreiber funktionieren: in die Annalen des technischen Fort- nächsten zwei Jahre auf ihre Richtig- das Auto als Abo, freie Kilometer statt Egal, welches Auto der Kunde gerne fährt: „Better Place" liefert die Batterie und Ladestation dazu.
36 nu 1·2009
Freiminuten. Der Kunde erwirbt indi-viduell sein Vehikel, allerdings ohne wie das Unternehmen stolz betont). die dazugehörige Batterie. Die kommt Noch heuer werden dort jeweils rund von Agassis Unternehmen, das zu- 50 Elektroautos unterwegs sein, als gleich eine flächendeckende Versor- Fahrzeuglieferant konnte der franzö- gung mit Ladestationen garantiert. sisch-japanische Konzern Renault-Nis- Aufladen und Austausch der Akkus san gewonnen werden. Zeitgleich sol- sind im Tarifvertrag inbegriffen. In ih- len ähnliche Feldversuche in den USA rer Simplizität ist die Idee so brillant, erfolgen, rund um die progressive kali- dass neuerdings auch Fareed Zakaria fornische Metropole San Francisco und im Newsweek und Thomas Friedman auf Hawaii, der Heimat von Präsident in der New York Times von dem ehe- Barack Obama. Und bis zum Ende des maligen Software-Experten als Messias kommenden Jahres soll in Dänemark eines ökologisch korrekten Zeitalters und Israel die flächendeckende Versor- schwärmen. Doch mit dem emotional gung mit Infrastruktur zumindest an- aufgeladenen Traumbild eines PS-star- satzweise vorhanden sein – Agassi geht ken Boliden, das der Automobilindus- dabei von je 100.000 Steckdosen und trie heutzutage als schlagendes Ver- Ladestationen aus.
kaufsargument dient, lässt sich ein Au- Und dann schlägt die Stunde der to nach dem Nokia-Prinzip nur schwer Wahrheit. 2011 soll das Prinzip Better So könnte die Zukunft der vereinbaren. Und von dem Motto Place dort der breiten Öffentlichkeit Mobilität ausschauen: „freie Fahrt für freie Bürger", wie es zugänglich gemacht werden. Bis dahin Stecker statt Tanköffnung, vor allem in den USA inbrünstig prak- muss die Technik einwand- und ver- Ladestation (hier vor dem tiziert wird, ist der nüchtern kalkulier- lustfrei funktionieren. Und auch der Weißen Haus) statt Tankstelle.
te Abo-Ansatz meilenweit entfernt.
Preis muss stimmen. Agassi verspricht, Apropos Meilen: Die maxima- dass ein gefahrener Kilometer nicht le Reichweite der mehr als 200 Kilo- derzeit nicht ab. Kein Wunder also, mehr als fünf Cent kosten soll.
gramm schweren und rund 7.000 Eu- dass Toyota und Honda, die Pioniere Auch hierzulande möchte Better ro teuren Batterie, die bei Better Place des Hybridantriebs, die hundertpro- Place aktiv werden. In Kitzbühel wurde zum Einsatz kommen soll, wird mit zentig elektrische Konkurrenz nicht unlängst eine kleine Dependance er-160 bis 200 Kilometern angegeben – sonderlich ernst nehmen und weiter öffnet, von der aus nach potenziellen „bei ausgeschalteter Klimaanlage". Ob auf die Kombination von Elektro- und Partnern Ausschau gehalten wird. „Ös- sich dieses Versprechen ohne Weiteres terreich verfügt über einen hohen An- halten lässt, ist beim jetzigen Stand Das Problem der geringen Reich- teil an erneuerbaren Energiequellen. der Technik fraglich. Wie der „Spie- weite lässt sich aber umgehen. Man Das gefällt uns", sagt Büroleiter Amit gel" unlängst berichtete, können Li- braucht nur ein geografisch über- Yudan. Den Investitionsbedarf für die thium-Ionen-Akkus, wie sie zum Bei- schaubares, dicht besiedeltes Gebiet, erste Phase von Better Place in Öster- spiel der japanische Konzern Mitsu- in dem die durchschnittlich zurück- reich beziffert er mit „mehreren hun- bishi bei seinem neuesten Elektroauto gelegten Entfernungen innerhalb der dert Millionen Euro". Und die aktu- iMiEV verwendet, gerade 16 Kilowatt- engen Limits des technologisch Mach- elle Wirtschaftskrise als Argument ge- stunden Energie speichern – das ent- baren liegen. Ein Gebiet wie Däne- gen derartig kostspielige Versuchsbal- spricht in etwa dem Brennwert von mark also, oder wie Israel – das oben- lons lässt Yudan nicht gelten: „Es geht zwei Litern Benzin. Auch Mitsubishi drein einen zusätzlichen Vorteil auf- um Investitionen in die Infrastruktur, gibt die Reichweite des iMiEV mit 160 weist: Den stark ausgeprägten und von die Arbeitsplätze bringen. Arbeitsplät- Kilometern an, allerdings nur bei einer allen politischen Gruppierungen ge- ze, die sich nicht ins Ausland verla- sehr geringen Durchschnittsgeschwin- teilten Wunsch nach der Unabhängig- gern lassen." Sind die Autofahrer reif digkeit. Wer schneller ans Ziel kom- keit von Erdölproduzenten des Nahen für einen derartigen Paradigmenwech- men will, bleibt nach höchstens 80 Ki- und Mittleren Ostens. In diesen beiden sel? Yudan sieht es pragmatisch. „Es lometern stehen. In die Entwicklung Ländern hat Better Place Pilotprojekte ist wie im Supermarkt: Ich kann mich neuer Batterien werden zwar rund um gestartet, mit finanzieller Unterstüt- für herkömmliches Gemüse entschei- den Globus Millionenbeträge gesteckt, zung wohlhabender Gönner und In- den, ich kann aber auch zu Bio-Pro- ein Quantensprung zeichnet sich aber vestoren (darunter auch Ölkonzerne, dukten greifen." 1·2009 nu 37
„Mir geht es um das Heute" Alexia Weiss erzählt, wie sie auf die Idee kam, einen Roman zu schreiben, und warum das Zusammenleben von Juden und Nichtjuden für sie nach wie vor nichts „Normales" hat.
NU: Was hat Sie dazu gebracht, ei-
nen solchen Roman zu schreiben?
Weiss: Ich befasse mich schon seit
vielen Jahren mit jüdischen Themen. Was in der amerikanischen Literatur gang und gäbe ist, nämlich Schilde-rungen aus dem heutigen jüdischen Alltag, hat mir in der deutschspra-chigen Literatur gefehlt. Das wollte ich zunehmend lesen. Und da ich schon lange den Wunsch hatte, nicht nur journalistisch, sondern auch Pro-sa zu schreiben, habe ich mir dieses Thema gestellt: Judentum in Wien im Hier und Heute.
Gab es literarische Vorbilder?
Nicht direkt Vorbilder, aber viele,
viele Bücher, die ich gerne gelesen habe. Da sind zum einen die Roma-ne von Leon de Winter, da sind zum anderen kritische Bücher wie „Unge-horsam" von Naomi Alderman oder „Vorsicht, Bissiger Gott" von Shalom Auslander, da sind israelische Auto-rinnen wie Yael Hedaya oder Zeruya Shalev. Natürlich habe ich auch die Bücher von Lily Brett sehr gerne ge-lesen oder „Vienna", den Roman von Eva Menasse. Ich wollte aber weder einen Familienroman schreiben noch etwas Autobiografisches.
Gibt es eine Grundaussage? Den
Leser lässt das Buch trotz allem sehr
positiv und zuversichtlich zurück.

Mit „Haschems Lasso" wollte ich das Spektrum jüdischen Lebens heu-te in Österreich darstellen. Viele >> 38 nu 1·2009
Einfach nur Freitag oder Schabbes? Die jüdische Autorin Alexia Weiss schildert in ihrem Debütroman„Haschems Lasso" die Gratwanderung jüdischer Frauen in Wien zwischen streng orthodoxer und moderner Lebensweise.
Hanni kann mit den und es gibt Muslime, die Alkohol Beitrag zur Aufarbeitung der Shoah
Frommen nichts anfangen. trinken und Schweinefleisch essen. leisten, sondern sich tatsächlich aus- Konnte sie noch nie. Und Dennoch, in dieser Zerrissenheit zwi- schließlich auf die Gegenwart kon- das, obwohl sie während schen starkem Zugehörigkeitsgefühl zentrieren.
der Nazizeit von Wien nach New York zu einer Religion und Gemeinschaft Die Lebenswege der sieben Frau- fliehen musste, weil sie Jüdin war. und der Abneigung, sich einer en, die sie von Wien aus nach New Damals war sie noch nicht einmal Religion vollkommen zu unterwerfen, York, Israel und zurück führen, sind 15 Jahre alt. Jetzt ist Hanni 81 und die wiederum Schuldgefühle gegen- leicht miteinander verknüpft. Hannis ihr Enkelsohn Daniel will heiraten. über der Elterngeneration hervorruft, Enkel Daniel will etwa Desirée Alt-In seiner Heimatstadt Wien, in der leben moderne jüdische Frauen heu- manns Tochter Eva heiraten. Desirées Heimatstadt ihrer frühesten Kindheit, te vielleicht wieder stärker als noch Schwester Jennifer wiederum wird der und nach streng orthodoxen Regeln vor zwanzig, dreißig Jahren. Und sie streng orthodox lebenden Konverti-noch dazu. Vom Taxi aus, auf dem leben vor allem auch in Wien. Genau tin Claudia Bauer anvertraut, die sie Weg vom Flughafen in die Wohnung ihnen hat die freie Journalistin Alexia in die jüdischen Bräuche einführen ihrer Tochter Laura, sieht Hanni ei- Weiss in ihrem Debütroman eine Art soll. Es wird gestorben, geboren, um- ne jüdische Frau mit ihren Kindern: Denkmal setzen wollen, nicht zu- gezogen und geheiratet. Klassische Fa- „Vier Buben, alle in dunkelblauen letzt, weil sie selbst Jüdin ist und in miliengeschichten also, so wie sie das Hosen, weißen Hemden, am Kopf ei- Wien lebt (siehe Interview). Trotzdem Leben eben spielt. Die Religion ist wie ne schwarze Kippa, aus der Hose hin- ist der Roman, der einen kurzen der Zuckerguss über der Schokoladen- gen die Schnüre." Und obwohl Hanni Ausschnitt aus dem Alltag von sie- torte, sie hält die Protagonistinnen mit „den Frommen" eigentlich nie ben jüdischen Frauen darstellt, alles zusammen, egal ob sie den Glauben etwas anfangen konnte, denkt sie in andere als autobiografisch gewor- als rettende Alltagsstütze oder eher als diesem Moment bei sich: „Schön, den. Sie wollte keine zweite Lily Brett Klotz am Bein begreifen. Man könnte dass es sie hier wieder gibt." werden, betont Weiss, obwohl sie aber auch sagen: HaSchem hält für Jüdisch sein ist nicht gleich jü- deren Bücher natürlich selbst gern alle sein Lasso bereit, wie das schon disch sein. Das lässt sich anhand gelesen hat (sowie auch eine ihrer der Titel „Haschems Lasso" sugge-dieser Passage aus „Haschems Lasso" Protagonistinnen). Sie wollte aber riert. Ein Titel, dessen Sinn sich für vielleicht am besten erklären. Jüdisch nicht ihre eigene Geschichte erzäh- das nichtjüdische Lesepublikum ver- sein heißt nicht automatisch, stets len und auch nicht einen weiteren mutlich nicht gleich offenbart.
mit dem Scheitel oder einer Kippa auf dem Kopf unterwegs zu sein, es Alexia Weiss
heißt nicht, den Großputz vor dem Pessachfest einzuhalten und es heißt auch nicht, sich ausnahmslos an ko- Milena Verlag 2009
schere Küche zu halten. Dasselbe gilt Preis: 19,90
übrigens auch für den christlichen und den moslemischen Glauben. „Jüdisch sein ist nicht gleich
Nicht alle (um genau zu sein: die we- jüdisch sein. Das erklärt
nigsten) Christen fasten am Karfreitag ‚Haschems Lasso‘ sehr gut".
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„Irgendwann fiel die Entscheidung, mich in der Kultusgemeinde als Mitglied eintragen zu lassen. Es war mir ein Bedürfnis, ganz offiziell Teil einer Zahl zu sein." Romane, die sich mit dem Judentum Manche Lebenswege wirken doch
Natürlich hat das Auswirkungen. befassen, haben den Holocaust zum ziemlich überzeichnet. Die Vollwaisin Zunächst habe ich die Sache beisei-
Thema. Mir geht es um das Heute, Claudia, die im Internat streng ka-
te geschoben, doch zunehmend habe darum zu zeigen, welche Themen die tholisch erzogen wird und dann zum ich mich immer mehr mit jüdischen
jüdische Gemeinde bzw. Juden in Ös-
Judentum konvertiert und darin voll Themen, mit dem Judentum ausein-
terreich heute bewegen – und das an- aufgeht. Die Großmutter Hanni, die andergesetzt.
hand von Personen, von Frauen, die ausgerechnet beim Besuch in der al-
Abbild des realen Lebens sind. Wie ten Heimat Wien und kurz vor der
Wie jüdisch leben Sie heute? Wie
finde ich einen jüdischen stark sind Sie in der Ge-
Partner, ist dabei eine zen- trale Frage. Aber auch: Wie Irgendwann fiel die Ent- gebe ich meinem Kind Jü- scheidung, mich in der Kul- dischkeit mit? Und: Wie tusgemeinde als Mitglied funktioniert Integration? eintragen zu lassen. Begrün- Vielen nichtjüdischen Ös- det war das weniger religiös terreichern ist nicht be- als vielmehr mit dem Be- wusst, dass ein großer Teil dürfnis, auch ganz offiziell der Gemeinde in den letz- Teil einer Zahl zu sein. Der ten Jahrzehnten zugewan- Zahl, die dokumentiert, dass dert ist, vorrangig aus der Hitler es nicht geschafft hat, alle Juden in Wien auszu- Alexia Weiss erfuhr erst mit 18, dass ihre Eltern rotten. Man könnte auch Die einzelnen Frauenfi-
jüdisch sind.
sagen: ein politisches State- guren wirken sehr real. Gab
ment. Ich feiere inzwischen es echte Vorbilder?
Hochzeit ihres Enkels stirbt. Ist das die großen Feste, vor allem um meiner
Es ist nicht so, dass die Frau XY noch reales Leben oder nötige Dra-
heute dreijährigen Tochter damit von für Jekaterina aus dem Buch Modell maturgie eines Romans?
Anfang an eine klare jüdische Identi- gestanden hat und die Frau YZ für Ra- Ein Roman ist ja keine Reportage. tät zu ermöglichen. Das ist mir sehr chel. Aber natürlich habe ich die Fi- Und um Positionen aufzuzeigen, be- wichtig, dass sie in dem Bewusstsein guren in Anlehnung auf Frauentypen darf es eben ganz klarer Figuren mit aufwächst: Ich bin Jüdin. Ich führe geschaffen, wie es sie in der Wiener teils drastischen Erlebnissen. Dass bei aber keinen koscheren Haushalt und Gemeinde tatsächlich geben könnte. alten Menschen die alten Traumata halte auch Schabbat nicht ein. wieder aufbrechen, ist übrigens trau- Welche Figur ist am authentischs-
rige Realität. Die Ärzte und Psycho- Wer soll dieses Buch lesen? Für wen
logen bei ESRA können ein Lied da- haben Sie das Buch geschrieben?
Das kann ich natürlich nicht sagen von singen. Und Konvertiten, die sich Für alle, die sich für jüdisches Le- – hier sind die Leser am Zug. Das bis- nicht wegen eines Partners, sondern ben interessieren. Vielleicht wird ge- herige Feedback hat aber bereits ge- aus eigener religiöser Überzeugung für meindeintern über die eine oder an- zeigt: Jeder findet eine andere Figur das Judentum entscheiden, leben di- dere Frage, etwa die der „richtigen" am authentischsten. Und es ist dann es dann meist tatsächlich sehr streng jüdischen Erziehung, diskutiert. Und von jüdischer Seite immer die Figur, aus.
vielleicht gewinnen Nichtjuden einen die die eigenen Positionen vertritt Einblick in eine Welt, die ihnen nicht und von nichtjüdischer Seite eine Fi- Sie haben erst mit 18 Jahren erfah-
bekannt ist. Damit würde auch eine gur, die besonders „anders", also quasi ren, dass Sie jüdischer Herkunft sind. Schwelle etwas herabgesetzt. Ich habe
exotisch scheint.
das Gefühl, dass der Umgang von Ju- Meine Eltern hielten es für besser, den und Nichtjuden sich hierzulande Mit welcher Figur identifizieren Sie
uns Kinder ohne dieses Wissen auf- immer noch nicht normalisiert hat. sich am meisten?
wachsen zu lassen, als uns einer mög- Das heißt im schlechten Fall werden Ich mag natürlich alle Figuren. lichen Gefahr auszusetzen.
weiter stereotype Vorurteile transpor- Meiner Wertehaltung kommen aber tiert, im besten Fall gibt es eine Art sicher Desirée und Ruth am nächs- Wie stark hat das Ihr Leben ver-
Beißhemmung. Das gilt übrigens auch für die hiesigen Medien.
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Das Erbe des ersten Nachkriegsjudaisten Posthum hat der Böhlau-Verlag 2008 das letzte Werk KurtSchuberts, des Begründers des Instituts für Judaistik an der Universität Wien, veröffentlicht. Die Geschichte des österrei- fänger", damals noch am Institut für jüdische Viertel noch verhältnismä-
chischen Judentums" ist Orientalistik, an dem 1959 ein Lehr- ßig gut intakt war. Außerdem wurde weit mehr als ein kom- stuhl für Judaistik eingerichtet und der jüdische Friedhof in der Nazizeit pakter Überblick über die mit Schubert besetzt wurde. Erst 1966 nicht geschändet und im altehrwür- Geschichte der Juden in der Habsbur- entwickelte sich daraus das Institut digen Wertheimerhaus befand sich germonarchie und der der Republik für Judaistik. Bis zu seiner Emeritie- eine ebenfalls nicht geschändete Syn- Österreich. Es ist zugleich eine Schil- rung 1993 war Schubert hier als Or- agoge. Somit gab es für mich keinen derung der Bemühungen Professor dinarius und Institutsvorstand tätig. würdigeren Ort für ein jüdisches Mu-Schuberts um einen interreligiösen Auch danach zog sich Schubert je- seum als das Wertheimerhaus in Ei- Dialog zwischen Christen und Juden doch nicht in den Ruhestand zurück senstadt, in dem sich damals jedoch und seines Einsatzes gegen den An- und so konnten ihn auch nach sei- die Einsatzstelle für das Rote Kreuz im tisemitismus. Gerade diese Passagen ner Emeritierung jüngere Studierende Burgenland befand." Es sollte deshalb sind schließlich sehr persönlich gehal- weiter in Vorlesungen erleben. Unter bis 1972 dauern, ehe das Museum er- ten. So schildert Schubert auch seine seinen HörerInnen befanden sich kei- öffnet werden konnte. persönliche Haltung gegenüber der neswegs nur JudaistInnen. Allen an Schließlich lassen sich in dieser Staatsgründung Israels: „Für mich war Israel und am Judentum interessierten Schrift auch Schuberts Überlegungen auch die Gründung Israels, am Sonn- Studierenden blieben seine Vorträge zu historischen Traditionen im Ju- tag, dem 15. Mai 1948, eine Möglich- in lebhafter Erinnerung. dentum und eine gesamtheitliche keit zum Eintreten für die jüdische „Die Geschichte des österreich- Sicht auf den Gegenstand seiner For- Seite. Eine große Demonstration von ischen Judentums" gibt jedoch auch schungen gut nachvollziehen. Das jüdischen DPs zog über die Nußdor- Auskunft über die vielen außeruniver- Buch stellt damit das zentrale geisti- ferstraße zum Grab Theodor Herzls sitären Tätigkeiten Professor Schuberts ge Erbe dieses großen Judaisten dar – auf dem Döblinger Friedhof. Sie tru- und schildert etwa die Errichtung des teilweise auch die Tätigkeiten seiner gen Transparente und riefen – so auch ersten jüdischen Museums in Öster- ebenfalls als Judaistin wissenschaftlich ich – ‚Techi Medinat Jisrael‘ / ‚Es lebe reich nach 1945: „So bemühte ich tätigen Ehefrau Ursula Schubert – und der Staat Israel‘." mich schon Ende der 60er Jahre um verbindet dieses mit der Geschichte Solche Schilderungen persönlicher die Gründung eines jüdischen Muse- der österreichischen Jüdinnen und Begegnungen des gläubigen Katho- ums in Eisenstadt, wo das ehemalige Juden.
liken Schubert mit den Überlebenden der Shoah machen dieses Buch aus seinem Nachlass so interessant und DIE GESCHICHTE DES
zu weit mehr als einem bloßen Über-blick über die Geschichte der öster- reichischen Juden. Und zu erzählen Böhlau Verlag 2008
hatte der Doyen der österreichischen Preis: 29,90
Judaistik wahrlich genug. Bereits im Sommersemester 1945 hielt er seine „Dieses Buch ist weit mehr als
erste Vorlesung „Hebräisch für An- ein kompakter Überblick über
die Geschichte der Juden."
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Die Pionierarbeiteiner Turkologin Corry Guttstadt erzählt die Geschichte türkischer Juden und räumt mit dem Mythos auf, die „judenfreundliche Politik" der Türkei habe dort lebende Juden vor dem Holocaust gerettet.
Obwohl die türkischen Ju- nis", da die Archive des türkischen wurden, weitere 300 bis 400 kamen
den in Europa eine be- Außenministeriums der Forschung in Konzentrationslager. Die „Fes- eindruckende Gruppe bil- – leider – bis heute nicht zugänglich tung Türkei" machte ihre Grenzen deten, wurde ihr Schicksal sind.
für Flüchtlinge dicht (während deut- während der Shoah bis heute kaum Die Türkei war bis kurz vor Kriegs- sche Kriegsschiffe bis Sommer 1944 aufgearbeitet – weder von Seiten der ende, als sie Deutschland doch noch problemlos die Meerengen passieren offiziellen Türkei noch von der Holo- den Krieg erklärte, neutral geblieben. konnten) und torpedierte Möglich- caust-Forschung. Die Turkologin Cor- „Neutral pro-deutsch", könnte man es keiten der Remigration von Juden in ry Guttstadt leistet mit dieser Neu- auch nennen. Zwar gab es zu keinem die Türkei. erscheinung Pionierarbeit und räumt Zeitpunkt eine explizit antijüdische Zusätzlich wurden Rettungsakti- mit dem Mythos auf, die Türkei habe Gesetzgebung, jedoch trafen die Maß- vitäten von jüdischen Hilfsorgani- durch ihre „judenfreundliche Politik" nahmen gegen Nichtmuslime die sationen auf alle erdenklichen Ar- unzählige türkische Jüdinnen und Ju- türkischen Juden während des Welt- ten behindert, etwa indem man die den vor der Vernichtung durch die krieges besonders hart: Entlassungen, Durchfahrt und auch das Anlegen Nationalsozialisten gerettet. Berufsverbote, Abschaffung von Min- von Flüchtlingsschiffen untersagte. Genährt wurde dieser Mythos derheitenrechten, Zwangsumsiede- Für die 769 jüdischen Flüchtlinge an durch zahlreiche internationale Publi- lungen, Zwangsarbeit, Sondersteuern. Bord der seeuntauglichen „Struma" kationen. Hier behauptete man unter Der Entzug der Staatsbürgerschaft bei – darunter etliche Kinder – bedeute-anderem, die Türkei sei immer schon Tausenden in Europa lebenden tür- te diese Politik am 25. Februar 1942 durch ihre tolerante Haltung gegen- kischen Juden hatte die katastrophals- einen qualvollen Tod vor der Küste über ihrer jüdischen Minderheit her- te Konsequenz all jener Maßnahmen Istanbuls, nachdem sie 70 Tage lang vorgetreten und leitete dies sogar – als zur Folge: Die Betroffenen waren der geankert und nicht an Land gelassen angeblich logische Konsequenz – von NS-Verfolgung nun schutzlos ausge- der Aufnahme aus Spanien vertrie- Corry Guttstadts Studie beleuchtet bener Juden durch das Osmanische Es waren zwischen 2.200 und 2.500 präzise einen dunklen Aspekt der ke- Reich nach 1492 ab. Jüdinnen und Juden türkischer Ab- malistischen Türkei, ihre Verstrickung Die Konstruktion einer unver- stammung, die in die Vernichtungsla- in die Shoah – und die tragische Ge- brüchlichen türkisch-osmanischen ger Auschwitz und Sobibor deportiert schichte der türkischen Juden.
Toleranz gegenüber Juden hielt Corry Guttstadts umfassenden Recherchen nicht stand. Das Resultat ist ein ein- DIE TÜRKEI, DIE JUDEN
zigartiger Band, der eine Unmenge an Dokumenten zitiert sowie unzählige – UND DER HOLOCAUST
es sind insgesamt über 30 – Interviews Verlag Assoziation A 2008
mit Überlebenden und Nachfahren türkischer Jüdinnen und Juden ein-arbeitet. Die Autorin betrachtet ihre Studie „lediglich als Zwischenergeb- osmanische Toleranz gegenüber
Juden gab es nicht."

1·2009 nu 43
Vereinsmeierei auf Islamisch „Zwischen Gottesstaat und Demokratie" führt durch die bunte Vereinslandschaft der österreichischen Muslime.
Ist das also der viel bemühte täten den „wahren Islam" zu vertre- zen europäische Islamwissenschafter.
Clash of Civilizations? Hier, im ten, nach innen wie nach außen. Politikern und Journalisten sind die Publikum, Shaker Assem, hiesiger Das Buch bietet nicht nur ein weites Verbandsvertreter dennoch willkom- Sprecher der islamistischen Hizb Spektrum, das von der IMÖ, der enga- mene Ansprechpartner. Es reduziert ut-Tahrir, der das Kalifat ersehnt. gierten und verhältnismäßig liberalen die Komplexität ihrer Welten, wenn Und dort, auf dem Podium, Thomas Initiative Muslimischer Österreicher, am anderen Ende der Leitung „der Is-Schmidinger, streitbarer und umtrie- in der unter anderem der rote Wie- lam" spricht.
biger Politikwissenschafter, der jeden ner Gemeinderat und Integrations- Der Sammelband kann jedenfalls Gott, besonders aber Allah aus der Po- sprecher der Islamischen Glaubensge- bloß ein erster Schritt zu einer diffe- litik drängen will. „Wenn es einmal meinschaft (IGGIÖ) Omar Al-Rawi tä- renzierten Debatte sein. so weit ist", sagt Schmidinger zu As- tig ist, bis hin zu Hizb ut-Tahrir reicht, Denn weder ist er komplett – eine sem, „dann werden wir aufeinander einer in Deutschland verbotenen Ka- Darstellung etwa der Atib, des größten schießen, um unsere Ideale zu vertei- derbewegung, die im bildungsnahen heimischen Moscheevereins, der der Milieu offen für Scharia und Kalifat türkischen Religionsbehörde Diyanet Ihr Ziel: mit einem differenzierten wirbt.
in Ankara direkt unterstellt ist, fehlt Überblick über die bunte Vereins- Der umstrittenen IGGIÖ wird im leider gänzlich – noch ist das Werk landschaft in die seichte Debatte über 330 Seiten starken Band, der im Deu- wissenschaftlich einwandfrei. „den Islam" und „die Islamisten" ein- ticke Verlag erschienen ist, ein eigenes Rüdiger Lohlker, renommierter Pro- Kapitel gewidmet, in dem die Kritik fessor für Orientalistik an der Uni Das Ergebnis: ein spannendes Nach- an der rechtlich anerkannten Vertre- Wien, lobt zwar die hehren Absichten schlagewerk, irgendwo zwischen Jour- tung Österreichischer Muslime, ihrer der Autoren, kritisiert aber zahlreiche nalismus und Wissenschaft, das zwei Repräsentativität und ihrer inneren Ungenauigkeiten bei der islamwissen-Dutzend Porträts maßgeblicher Ver- Demokratie zusammengefasst wird.
schaftlichen Analyse und spricht von eine und Funktionäre bietet.
Durch die Lektüre wird aber ein eurozentristischem „Aufklärungsfun- Nicht Fundamentalismus ist es, der weiteres Mal klar: Österreichs 400.000 die porträtierten Gruppen miteinan- Bürger muslimischen Glaubens haben In „Zwischen Gottesstaat und De- der verbindet, und auch nicht der mit der Vereinslandschaft nur wenig mokratie" schreiben überzeugte Sä-Wunsch, Österreich in einen Gottes- kularisten über überzeugte Muslime. staat zu verwandeln. Lediglich zwischen zehn und 15 Pro- Daraus hat der Herausgeber Thomas Was aber haben die Verbände, die zent der Muslime seien auch in reli- Schmidinger bei der Präsentation des die Autoren als „politischen Islam" giösen Verbänden organisiert, schät- Buches auch keinen Hehl gemacht.
und nicht nur zwischen den Zeilen als Gefahr bezeichnen, gemein? Thomas Schmidinger, Dunja Larisa (Hrsg.)
Zunächst sehen sie in jedem Bürger muslimischen Glaubens einen Muslim – danach erst ist er Vater, Bürger oder Arbeiter. Weiters übertreten ihre Akti- Verlag Deuticke 2008
vitäten – sozial, gesellschaftspolitisch, Preis: 20,50
pädagogisch – häufig die verschwom-mene Grenze des Politischen. Und sie „In diesem Buch schreiben
alle beanspruchen mit diesen Aktivi- überzeugte Säkularisten über
überzeugte Muslime."

44 nu 1·2009
„Kabbala ist einfach nicht mein Bier" Rabbiner Walter Rothschild schreibt Geschichten „Auf das Leben!". Der Titel seines Buches ist durchaus wörtlich zu verstehen.
Was hat ein Rabbi immer tet von dannen und er bleibt oft sind allesamt dort verbrannt, als die
bei sich? „Ich muss im- beschwert zurück. „Sie bleiben in Deutschen das Gotteshaus anzünde- mer meinen Laptop bei meinem Kopf und ich muss sie schrei- ten. Ein Nachgeborener muss das Le- mir haben", so Walter ben, sonst werde ich verrückt".
ben seines ermordeten Bruders leben, Rothschild, der schreibende Rabbi- Zum Verrücktwerden sind viele, ein Ehemann quasi das Kind seiner ner, der auch ein fliegender ist. Wird meschugge die meisten. Ja, auch Frau werden. Indem er solche Überle-er doch von Berlin aus regelmäßig in Schutzengel und Geister, Exorzisten bensgeschichten niederschreibt, folgt die Wiener Reformsynagoge Or Cha- und Dibbuks treiben zuweilen ihr We- Rothschild nicht zuletzt auch dem dasch eingeflogen, um Gottesdienste sen, aber eher nur am Rande, dort, wo jüdischen Gebot des Erinnerns, des abzuhalten. Obwohl er eigentlich ein sie hingehören. „Kabbala ist einfach niemals Vergessens.
Eisenbahnfan ist, der, so eröffnet uns nicht mein Bier", geht der Rabbi un- „Auf das Leben!", Le Chaim!, ist als der Klappentext, gerade über die Ge- verblümt ans Werk. Von „Metaphern Titel und Motto aber beim Wort zu schichte des Eisenbahnbaus im Nahen und Gleichnissen" hält er ebenso we- nehmen. Das Leben nimmt sich sein Osten promoviert hat. Und eigentlich Recht und siegt.
ist er auch kein Berliner, sondern ein Seine Kundschaft ist, wie bei den Was den Rabbi von seinem Kolle- gebürtiger Engländer, der Deutsch meisten Geistlichen, dem Grab näher gen, dem Kaplan, mit dem er sich ein mit stark englischem Akzent spricht. als dem Leben. Was bei der spezifisch Zimmer im Gefängnis teilt, wenn In-Gerade umgekehrt wie die meisten jüdischen Klientel gleichbedeutend sassen seinen Beistand oder ein Ess-Helden seiner Erzählungen, Emig- mit Überlebenden ist. paket zu Pessach wünschen, was ihn ranten, Angehörige kleiner englischer So ist das Trauma des Holocaust also von diesem katholischen Kolle- Gemeinden, die Englisch mit einem mit seinen oft bizarren posttrauma- gen sicherlich unterscheidet, ist et- „schweren ,mitteleuropäischen‘ Ak- tischen Erscheinungen fast naturge- wa, dass er sich sehr gern von einem zent" sprechen. Eine aussterbende mäß die Quelle vieler Episoden, die alten Frauenhelden in Liebesdingen Spezies.
sich anders nicht erzählen, nicht er- unterweisen lässt. Jeder gute Rabbi Geschichten, die das Leben schrieb. klären ließen.
lernt schließlich lebenslänglich und Dieses abgedroschene Klischee liegt Da ist der alte einsame Mann, der nie aus.
allzu nahe, wenn man Rothschilds kurz vor seinem Tod seine versäum- Und ganz nebenbei lernt man Sammlung „Auf das Leben!" liest.
te Bar Mizwah nachholen will. Sei- beim Lesen auch einiges. Übers Ju- „Die Hälfte ist erzählt, die Hälfte ne ganze Familie, seine Freunde, die dentum, über Juden, die es nicht sein, erfunden", gesteht er, schlauerweise sich einst anlässlich seiner Bar Miz- und solche, die es werden wollen. Me- allerdings nicht, was jeweils welcher wah in der Synagoge versammelten, schuggene Geschichten.
Hälfte zuzurechnen ist.
Er ist diskret, er ist klug, er hat Hu- mor. Er ist ein Rebbe.
AUF DAS LEBEN!
Wenn es so was wie einen jü- dischen Beichtvater gäbe, Rothschild Aus dem Englischen von Mirjam Pressler
erfüllte wohl die Job Description. Er Goldmann Verlag 2009
ist ein guter Zuhörer, und Menschen Preis: 17,95
erzählen ihm Geschichten, ihre Ge-schichten, vielmehr sie laden sie bei „Er ist diskret, er ist klug,
ihm ab. Gehen erleichtert, getrös- er hat Humor.
Er ist ein Rebbe."
1·2009 nu 45
Suchbild auf Jiddisch … Auf diesen Bildern sehen Sie Peggy Guggenheim und ihre Schwestern. Finden Sie die neun Fehler! Wenn Sie mehr von unserer Rätselkünstlerin sehen wollen, besuchen Sie die Galerie Steinek (1010, Eschenbachgasse 4). Bis zum 31. Mai sind dort Arbeiten von Michaela Spiegel zu sehen.
1·2009 nu 47
IN EIGENER SACHE
Nationalbibliothek-Chefin Johanna Rachinger über gute und schlechte Restitution • Im Abschiedsporträt: LESERBRIEFE AN
Kurt Scholz • Wie Chanukka und Weihnachten feiern? • Historiker Oliver Rathkolb über das Ende des BZÖ • (12/2008) Kislev 5769 3,– www.nunu.at nach ihren Eltern oder zu Jiskor regel-mäßig in den Tempel kamen. Das ist leider nicht mehr der Fall. Wir können es bedauern, aber wir können es nicht ändern.
3) Daraus folgt leider auch, dass die Kinder dieser weniger frommen Juden (diejenigen nicht einmal zur Jahrzeit Das holländischen NCR Handelsblad und zu Jiskor in den Tempel kommen) beschäftigt sich in einem ausführlichen eine noch viel schwächere Bindung Artikel zum 70. Todestag von Matthias an den Stadttempel haben. Wie sollte Sindelar mit der Geschichte des Sportlers, sich das ändern? Sie sehen ja bei ihren die Peter Menasse geschrieben hat und in Er wuchs als Gassenbub auf und sympathi-
Arik Brauer sierte mit den Kommunisten. NU sprach mit
Eltern auch nichts anderes. Wir der auch NU ausführlich zitiert wird.
ihm über achtzig Jahre Künstlerleben
können echt froh sein, dass noch regelmäßig Bar-Mizwas und Aufrufe NU 34 (4/2008)
auch unreligiöser Mitglieder unserer Alltagsgeschichten Javor
Gemeinde im Stadttempel stattfinden.
4) Es mag für manche schwer zu akzeptie- Liebe Freunde vom NU, ren sein, aber gerade unser Oberrabbi- zuerst einmal ein dickes Lob. Das NU, das ner im Stadttempel ist ein Garant der uns heute erreicht hat, ist wirklich hochin- Einheit unserer Gemeinde. Er tut wirk- teressant. Es macht ein Vergnügen, diese lich alles, damit auch seltene Besucher Zeitung zu lesen.
unseres Tempels das Gefühl bekom- Was den Beitrag von Erwin Javor zum men, im Tempel heimisch zu sein. Stadttempel betrifft, einige kleine Anmer- Seine Draschot bringen das Judentum auch weniger großen Kennern der 1) Meiner Erinnerung nach war unser Thorah in bewundernswerter Klarheit Auch im deutschen „Kicker" wird Peter Freund Erwin – leider – zuletzt nur näher und sein Humor und seine Menasses Geschichte über Sindelar zitiert.
während der hohen Feiertage im Stadt- Empathie machen es den Menschen tempel. Ich selbst würde mich sehr leicht, sich bei uns im Stadttempel im freuen, so einen bekannten „Balabuss" wahrsten Sinne des Wortes „zu Hause" bucher, emeritierter wie den Erwin öfter bei uns im Stadt- Professor der Publi- tempel begrüßen zu können. Vielleicht 5) Kritik ist wichtig und Kritik ist richtig. zistikwissenschaft, könnte er dann auch teilhaben an Aber wenn wir vom Tempel schon zum rezensierte in der manchen lobenswerten Entwicklungen, Kaffeehaus degradiert werden, sollte Europäischen Rund- wie z.B. der Einführung eines Kinder- wenigstens auch angemerkt werden, schau 4/2008 die chors im Stadttempel durch unseren dass unter der Woche sich viele Mit- neue Biografie über Oberkantor Shmuel Barzilai oder der palelim nach dem Morgengebet im Oscar Bronner – und widmet der NU- Betreuung der Kleinsten während des Kaffeehaus um die Ecke versammeln Titelgeschichte über ihn breiten Raum.
Davenens am Schabbes.
und am Schabbes nach dem Davenen 2) Es liegt leider in der Natur unserer statt eines Kaffees beim Kiddusch Gemeinde, vielleicht sogar in der Kigel, Tschulent und Bronfn gereicht Natur des Judentums im Allgemeinen, wird. Es lohnt sich also, wieder einmal dass die Bindung zu religiösen Ein- in den Stadttempel zu kommen und richtungen bei den weniger frommen Juden immer schwächer wird. Ich Alles Gute und einen erinnere nur, dass früher die meisten freilachen Chanukkah der unreligiösen Juden zur Jahrzeit Euer Michi Schnarch 48 n u 1·2009
NU 34 (4/2008)
Engelberg über Lemberg (Lviv) zuvor Josef F."). Keep up the good work! Arik Brauer Interview
ausreichend aufmerksam gelesen, hätte sie, die ja ansonsten – wie gleich auf der Sehr geehrter Herr Menasse, folgenden NU-Seite 4 ersichtlich - eine mit Interesse las ich das ausführliche weltgewandte Autorin politisch und his- Interview Ihrer Zeitung mit Arik Brauer. Es torisch interessanter Bücher ist, Lemberg, ist traurig, dass Juden immer noch unter die Hauptstadt der West-Ukraine, nicht Vorurteilen von Nichtjuden (Antisemitis- Polen einverleibt.
I just wanted to let you know that your mus, Antijudaismus) leiden müssen. Umso Magazine is fascinating. I admire your bedauerlicher ist es, wenn Juden (wenn Lemberg, im Frühmittelalter von ost- auch manchmal – wie hier – ohne böse slawischen Rus gegründet, war zwar Best, Samuel König Absicht) Vorurteile über Juden verbreiten. fast 400 Jahre unter polnisch-litauischer Bei der Frage nach seiner Mutter sagt Herrschaft, wurde aber unter Maria-The- . was ich Euch schon seit Längerem Brauer: „Wenn es nach den Reformern resia die Quasi-Hauptstadt des habsbur- sagen wollte: NU hat sich zu einem fixen geht, ist es völlig egal, welcher Elternteil gischen Galiziens und blieb dies bis 1918. Bestandteil meiner (zugegeben spär- Jude ist." Das stimmt so nicht, hier haben In den Jahrzehnten davor immigrierten lichen) jüdischen Lektüre entwickelt. Ich wir es mit einem oft gehörten Vorurteil tausende galizische Juden nach Wien freue mich jedes Mal, wenn ich eine neue gegen das nicht-orthodox-religiöse Juden- und bildeten hier vor 1938 den Kern Ausgabe im Postkasten finde. Immer tum zu tun. Es stimmt zwar, dass – des „jüdischen Wien". Daher handelt es interessant(er) und am Puls der wichtigen wie er sagt – das Reformjudentum heute sich bei dieser kleinen „Fehlleistung" der Themen. Bravo und Danke.
zahlenmäßig unter allen religiösen Juden Chefredakteurin vermutlich um eine Art Um den Worten Taten folgen zu lassen die Mehrheit darstellt, doch mir ist keine altösterreichisch-jüdischen Reflex, da sei- überweise ich jetzt mal 100 Euro.
einzige Reformgemeinde in Europa nerzeit die West-Ukraine und Teile Polens bekannt, die die patrilineare (väterliche) gemeinsam das als „Galizien" bezeich- Richard Lanczmann Linie im Falle einer interkonfessionellen nete Gebiet der Habsburg-Monarchie Ehe akzeptiert. Die große Mehrheit der Ich möchte Ihnen heute für Ihre für mich Reformgemeinden weltweit (auch in ausgezeichnete Art der Berichterstattung Israel) beachtet sehr wohl die mütterliche Nicht vergessen möchte ich aber, diesmal gratulieren und freue mich immer, wenn Linie und Or Chadasch Wien hat sogar laut und schriftlich mein bis jetzt nur still ich diese Zeitung erhalte. Aber etwas ist die matrilineare Linie in ihren Gründungs- und für mich ausgesprochenes Lob für nicht so hundertprozentig erfasst. Ich statuten aufgenommen! denke es gäbe noch Zeitzeugen, wel- Ich bitte Sie diese Tatsache Ihren Lesern Mit freundlichen Grüßen che zwar keinen Namen im Sinne der nicht vorzuenthalten, Dr. Mag. Reinhardt Lobe Bekannheit haben, auch nicht in einem mit freundlichen Grüßen KZ waren, aber doch als so genannte Dr. Theodor Much Zur Wahl: NU stellte heikle Fragen an die Parteien • Mischlinge ersten Grades hier lebten, die Wie Österreich die Gedenkstätte in Auschwitz sträflich vernachlässigt • Schriftstellerin Judith Kerr im (Präsident von Or Chadasch) Porträt • Wie lebt es sich als Jude in Tokio? • Ausgabe Nr. 33 (9/2008) Elul 5768/Tischri 5769 3,– www.nunu.at damalige Zeit körperlich unbeschadet überstanden haben, seelisch aber einen NU 34 (4/2008)
ganz großen Schaden davongetragen haben. Deren Anschauung wäre vielleicht Auch wenn Barbara Tóth als stellvertre- auch interessant. Jedenfalls bitte weiter tende NU-Chefradakteurin – fußballe- so. Mit besten Wünschen verbleibe ich risch gesagt – meist auf der Ersatzbank Er gab Österreichs Journalismus mehr
sitzt und daher nur ausnahmsweise im Oscar Bronner Profil und Standard. Im NU spricht er
erstmals über seine jüdische Identität.
Editorial zum Einsatz kommt, wird sie sich bei so einer Gelegenheit gewiss NU 32 (2/2008)
(Nr. 34 (12/2008),
nicht ähnliche Arroganz oder Ignoranz Kommentar Martin Engelberg
vorwerfen lassen wollen. Man sollte sich Im Gespräch mit dem neuen
jedoch erwarten dürfen, dass sie sich Your fresh perspective stands out from Vorstand des Institutes für
auch als stellvertretende Redaktionsche- other media, and it is always a pleasure Zeitgeschichte, Oliver Rathkolb,
fin über die von ihr im Editorial (Seite to find an article that puts into words wurde versehentlich der
3) kommentierten NU-Beiträge kundig the very things that I have been thinking Philosoph Rudolf Burger mit dem
macht. Hätte sie den Artikel von Martin (z.B. „Der Waldheim-Reflex und der Fall Rechtsradikalen Norbert Burger
verwechselt. Wir bedauern!

1·2009 nu 49
MILCHIG & FLEISCHIG
„Sieben Tage sollt ihr ungesäuertes Die besten Mazzes aß ich bei Brösel Gesäuertes entfernt werden. sis für viele Speisen – Füllen, Kuchen, meiner Tante Anni in London. Sie Das ungesäuerte Brot aus Mehl und Torten – und ebenso vielseitig wie servierte sie zum Nachmittagstee, Wasser, dünn, weiß-braun, bucklig Weizenmehl. Mit gehackter Petersilie klein, rund und frisch, von einem und perforiert, damit man es leichter (oder Koriander), einem Ei, etwas Saf- Bäcker in Golders Green und ganz brechen kann, erinnert an die Flucht ran, Zitronenschale sowie Salz und sicher streng nach Vorschrift herge- aus Ägypten, als !ie Juden keine Zeit Pfeffer angerührt, ist es eine hervor- stellt, denn sie führte einen strikt ko- hatten, Sauerteig herzustellen. Mazze- ragende Basis für Fischlaibchen, die scheren Haushalt. Die Mazzes waren mehl (vermahlene Mazzes) ist die Ba- in einer Sauce aus Öl, Knoblauch, mit Butter bestrichen, darauf Paprikapulver, Kapern, Kreuz- löffelten wir Heidelbeermar- kümmel, einigen enthäuteten melade, einfach herrlich. Alle gehackten Paradeisern und et- anderen Genüsse – Eclairs, Ap- was Zitronensaft sanft gekö- felstrudel, Topfentorte – ließ ich bedenkenlos dafür stehen. Tante Anni kam aus einer Ho- Das bekannteste Gericht teliersfamilie in Marienbad sind natürlich Mazzeknödel. und kochte vorzüglich, aber Sie werden mit oder ohne von allen kulinarischen Freu- Schmalz, Zwiebel oder Peter- den sind mir diese Mazzes am silie, groß oder klein, flaumig stärksten in Erinnerung ge- oder eher bissfest gegessen. blieben. In der Früh machte Ohne Mazzeknödel ist eine sie für meinen Cousin Micha- Hühnersuppe unvollständig, el Mazzebrei – zwei Scheiben mögen noch so viele andere Mazzes zerkleinern, mit ko- gute Dinge drinnen sein. Die chendem Wasser übergießen, Kneidlach sind die neschóme, abtropfen lassen, ausdrücken, die Seele der Suppe, und es mit zwei Eiern und Salz ver- gibt für beide unzählige Vari- rühren und in der heißen anten. Tante Anni machte die Pfanne mit Butter zu einer Art Knödel aus Mazzemehl, Eiern, Omelette backen. Pfeffer, Salz, etwas Öl und kal-tem Wasser. Ich gebe noch Mazzes werden das ganze Backpulver dazu. Jedenfalls: Jahr gegessen, aber ihre Hoch- sehr kleine Knödel formen, sie Zeit erleben sie zu Pessach, gehen beim Kochen auf! Große wenn nichts Gesäuertes oder Mazzeknödel sind ziemlich or- Vergorenes verzehrt werden dinär und schmecken auch so, darf. „Sieben Tage sollt ihr ungesäu- „Who let the Jews out" aber die Amis, die ein Faible für XX- ertes Brot essen", heißt es in Exodus heißt dieser Cartoon, den es Large haben, lieben die extragroß- 12.15, und traditionell muss vor Pes- auf YouTube zu sehen gibt. en Mazzo-Balls. Die größten serviert sach das ganze Haus gekaschert, das Und was hält der Beifahrer in das Carnegie Deli in der Siebenten heißt gründlich gereinigt, und jeder der Hand? Erraten: Mazzes! Avenue in New York, weltberühmt 50 nu 1 ·2009
seit Woody Allens „Broadway Danny Einige Mazzes-Rezepte Rose". Faustgroß! Zum Schluss noch eine Geschich- Mazzemehl und Mazzebrot erhalten Sie in Spezialgeschäften oder über te, die mit Mazzes nur indirekt, aber das Internet – zum Beispiel, wenn Sie „koschere Lebensmittel" googeln. mit Pessach viel zu tun hat – sozusa- Es gibt unzählige Möglichkeiten, Mazzemehl zu verwenden, vor allem, gen ein Einblick in die Entstehung wenn man dazu noch etwas Kartoffelmehl gibt. des Buches Exodus, falls es in Holly-wood geschrieben worden wäre: Moses führt sein Volk aus Ägyp- Sauce:5 EL Wasser ten, und als er ans Rote Meer kommt, am besten in einer
schnippt er mit den Fingern und ruft Hühnersuppe
1 fein gehackte Zwiebel1 zerdrückte Knoblauchzehe seinen Pressesprecher. Der heißt Max 6 Eier je ½ TL Paprika und Kreuzkümmel (Kurkuma) und eilt herbei.
1 Prise Cayennepfeffer oder 1–2 kleine ge- trocknete Chilischoten, zermahlen „Max, die Boote!" 2 Tassen Mazzemehl 3 große Fleischtomaten, blanchiert, enthäutet, „Die Boote", sagt Moses. „Wo sind 1 Prise Pfeffer & Salz Saft von ½ Zitrone Die Eier mit Öl und Wasser versprudeln.
die Boote, mit denen wir übers Rote Mazzemehl, Backpulver, Pfeffer und Salz dazu- Alle Zutaten der Sauce vermischen, in einer Meer fahren wollen?" geben, gut vermischen.
Kasserole etwa 15 Minuten köcheln lassen.
„Die Boote … also … die hab ich Einige Minuten stehen lassen.
Aus den übrigen Zutaten sehr kleine Fischlaib- Dann in einem genügend großen Topf mit ko- chen zubereiten, vorsichtig in die Sauce ge- chendem Wasser kleine Knödel geben und et- ben, 15 Minuten köcheln lassen, dazwischen wa zwanzig Minuten simmern lassen. Achtung, einmal wenden. Mit Reis servieren. „Ich hab's vergessen. Shit hap- die Knödel gehen stark auf! Sie können gut im Kühlschrank aufgehoben und dann wieder aufgewärmt werden – aber nie in der Suppe, „Du hast die Boote vergessen?", immer im heißen Wasser! schreit Moses. „Spinnst du? Die aus Saloniki
Ägypter können jeden Augenblick Pro Person 1 Scheibe Mazze und ein Ei, Salz, Zucker, Olivenöl zum Braten, Honig hier sein! Was soll ich jetzt machen? nicht nur als Frühstück
Soll ich Gott vielleicht darum bitten, Die Mazze wie beim Mazzebrei mit kochendem dass Er das Wasser teilt, damit wir zu wunderbar
Wasser überbrühen, abtropfen, ausdrücken.
Fuß rüberkommen und der Pharao Pro Person 1 Scheibe Mazze und ein Ei, Salz, Mit den versprudelten Eiern und Salz und sehr Pfeffer, Butter zum Herausbacken, Schnittlauch wenig Zucker verrühren.
ertrinkt? Ist das vielleicht deine Vor- Mazzes zerbröckeln, kurz mit kochendem Was- Esslöffelweise in heißem Olivenöl auf beiden stellung, wie – " ser überbrühen, bis sie weich sind, aber nicht Seiten in der Pfanne herausbacken.
„Hey Boss", sagt Max, „wenn Sie zu weich! (In Griechenland wird alles mit Olivenöl heraus- Abtropfen lassen, das Wasser ausdrücken.
gebacken – ich nehme dazu Butter.) das hinkriegen, verschaffe ich Ihnen Die versprudelten Eier mit den Mazzes vermi- Mit etwas Honig beträufeln und heiß servieren.
zwei Seiten in der Bibel für die Sto- Salz & Pfeffer nach Geschmack dazu.
Die Butter in einer Pfanne heiß werden lassen.
In diesem Sinne: Chag Sameach! Die Mazze-Eier-Mischung als Omelette heraus- Süß-saure Fleischlaibchen
Einige Rezepte lesen Sie unter www.
nunu.at, und wenn sie nicht Ihre Vor dem Servieren mit Schnittlauch bestreuen. volle Zustimmung finden, wissen Sie ½ Kilo Rindfleisch, faschiert1 gehackte Zwiebel ohnehin, dass Streit über praktisch Fischlaibchen in
1 kleine geschälte und geriebene Kartoffel alles im Leben, inklusive der Größe Tomatensauce aus Marokko
von Mazzeknödel, ein fester Bestand- ½ kg gehackter Weißfisch (Zander, Forelle, teil der jüdischen Tradition ist.
Kabeljau, Scholle, Seezunge etc.) ohne Haut 1 Päckchen Safran, in etwas heißem Wasser 2 EL Rohrzuckersirup oder Ahornsirup In der neuen NU-Serie „Milchig & Schale einer unbehandelten Zitrone, abge- 2 gehäufte EL Langkornreis, gekocht Fleischig" wird sich Helene Maimann 2–3 frische Tomaten, enthäutet, gehackt 1 Handvoll große Rosinen der jüdischen Esskultur widmen. 1 versprudeltes Ei Saft von ½ Zitrone Haben Sie Vorschläge oder Rezepte? Je 1 EL gehackter Koriander und Petersilie, 1 gehäufter TL Zimt Schreiben Sie an office@nunu.at.
n 1·2009 u 51
Avigdor Lieberman Außenminister? FOTO: PETER RIGAUD Vollkommen logisch! Bei Erscheinen dieser Ausgabe gang mit den Palästinensern. Arafat Führung einstellen und last but not von NU wird Avigdor Lieberman al- versperrte sich jedem Kompromiss- least die Auswirkungen der globalen ler Wahrscheinlichkeit nach bereits vorschlag. „You have been here four- Außenminister von Israel sein. Groß teen days and said no to everything", Ist jetzt nicht alles klar? In wel- ist schon jetzt das Entsetzen darüber. warf Bill Clinton Arafat nachher vor.
chem anderen Land dieser Welt wür- Wie ist das möglich? Schert sich Israel Ariel Sharon entwickelte dann ei- den sich Menschen angesichts dieser nicht mehr um sein Image? Wie soll ne neue Strategie: der Versuch der Bedrohungslage und der unglaub-es da zu einem Frieden kommen? räumlichen Trennung zwischen Is- lichen Komplexität der Umstände Tatsächlich ist Liebermans Erfolg raelis und Palästinensern mittels des nicht auch Politikern anvertrauen, vor allem eines: vollkommen logisch. berühmt gewordenen Grenzzaunes die – zumindest scheinbar – klare und Warum? Mit Lieberman verhält es und der Räumung von Gaza. Die Pa- einfache Antworten haben? sich so wie mit allen Populisten. Sie lästinenser brachten auch diesen Weg Avidgor Lieberman steht genau haben in vielen Dingen recht und zum Scheitern, indem sie den Süden dafür sowie für das in Israel stark zu-sprechen treffsicher die heikelsten Israels mit Raketen beschießen.
nehmende Gefühl, bereits genug An- politischen Probleme an. Werden strengungen für eine friedliche Lö- sie in die politische Verantwortung In der Zwischenzeit ist der israe- sung gemacht zu haben. Schlussen- einbezogen und herrschen stabile de- lisch-palästinensische Konflikt noch dlich spricht Lieberman – als bisher mokratische Strukturen, scheitern Po- viel komplexer geworden. Inzwischen einziger Politiker Israels – ganz direkt pulisten entweder völlig – oder wan- gibt es eine klare Spaltung zwischen die Probleme der arabischen Minder- deln sich zu „normalen", manchmal der sekulären palästinensischen Ver- heit in Israel an – also jener Araber, durchaus erfolgreichen Politikern.
waltung in der West Bank und der die die israelische Staatsbürgerschaft Die Israelis haben in der Ge- fundamentalistischen Hamas, die in besitzen und die bereits jetzt zwanzig schichte den unterschiedlichsten Gaza regiert. Die Hamas selber ist in Prozent der Gesamtbevölkerung Isra-politischen Stoßrichtungen, die zu einen militärischen und einen poli- einem Frieden mit den Palästinen- tischen Flügel geteilt, Letzterer hat sern führen könnten, ihr Vertrauen Führer in Gaza und Damaskus, jene in Nicht nur ihre Loyalität zum isra- geschenkt und wurden enttäuscht. Damaskus nimmt ihre Anweisungen elischen Staat wird in Frage gestellt, Allein in den letzten 20 Jahren gab es von Syrien und dem Iran entgegen.
zunehmend sorgt man sich auch um zuerst die Niedergeschlagenheit über Israel muss also gleichzeitig gegen die demografische Entwicklung. In 20 das Scheitern des Oslo-Friedenspro- die Hamas kämpfen, einen Waffen- Jahren könnte die arabische Minder- zesses unter Rabin und Peres. stillstand samt Herausgabe der Geisel heit auf 30 bis 35 Prozent anwachsen, Gilat Shalit verhandeln, sollte die pa- das entspräche dann bereits dem An- Am eindrücklichsten war die Ent- lästinensische Verwaltung in der West teil der französischsprachigen Wallo- täuschung im Fall von Ehud Barak. Bank stärken und die Siedlerlobby im nen an der Gesamtbevölkerung Bel- Er wurde 1999 mit großer Mehrheit eigenen Land in Schach halten.
giens. Bedenkt man die großen Pro- und mit einem klaren Mandat zu ab- Als wäre das noch nicht kompli- bleme dort, in einem Land, das sich schließenden Friedensverhandlungen ziert genug, muss sich Israel eine Stra- friedlich und in größtem Wohlstand mit den Palästinensern gewählt. Der tegie gegenüber dem Iran und seinen mitten in Europa befindet, möchte Friedensgipfel Camp David II im Juli Ambitionen als Nuklearmacht über- man sich nicht ausdenken, wohin das 2000 verlief nachgerade exemplarisch legen, Friedensverhandlungen mit in Israel führen könnte. Ein weiterer für das Dilemma der Israelis im Um- Syrien führen, sich auf die neue US- Grund mehr für Liebermans Erfolg.
52 nu 1 ·2009
Nicht nur Liechtenstein ist FOTO: PETER RIGAUD Simpl-Stars unter sich. Sagt Fritz schießt und mit Selbstmordterroris- mas, genauso wie die artverwandte Heller zum Karl Farkas: „Liechten- ten attackiert, einer der wichtigsten in Ägypten verfolgte Muslimbrüder- stein ist so ein riesiges Land, a Wahn- Wirtschaftspartner der Region. schaft, lehrt auch sie das Fürchten, sinn." „Wie kommst du drauf?!" Als die Israelis den viel diskutier- wenn auch aus anderen Gründen als „Ich habe eine Landkarte gesehen, ten Schutzzaun zu errichten began- da war NUR Liechtenstein drauf!" Es nen, schrie die Weltöffentlichkeit war einmal ein klitzekleines Land, empört auf. Als die Ägypter eine drei Auf dem Rücken Israels wird die umringt von großen, riesigen Län- Meter hohe Sperrmauer bauten, die Angst des gesamten Westens ausge- dern, das es schaffte, so riesengroß sie von den lästigen Gazabewohnern tragen, denn Israel ist der greifbare zu werden, dass es die ganze Welt in abschirmte – bemerkte das über- Teil des Gesamtfeindes, nämlich die Angst und Schrecken versetzte und haupt jemand? westliche Lebensart, symbolisiert an allem schuld war, was dieser Ta- durch die USA, die EU und das ver- ge die Welt erschütterte. Nein, nicht Diese tragischen Ursprünge in der westlichte Ägypten. Raketen nach Je- Liechtenstein. Richtig! Israel.
rusalem zu schießen, ist eine Finger- In allen Medien der Welt wird schaft zwischen Gaza-Palästinensern übung. Gäbe es Israel nicht, würden Israel täglich als riesige Weltmacht und Ägyptern haben sich bis heute sich die Raketen und Sprengstoffat-dargestellt, bis auf die Zähne bewaff- gehalten: Gaza blickt mittlerweile tentate direkt gegen die westlich an- net, die an der Küste ein brutales auf eine generationenlange Tradition gehauchten arabischen Staaten und Gefängnis unterhält. Nein, nicht als Flüchtlingszuchtanstalt zurück. deren Führer wenden. Aus Angst, Guantanamo. Richtig! Gaza. Das Le- Während Israel nach 1948 hun- den labilen Frieden mit Ägypten zu ben in Gaza ist äußerst schwierig. derttausende jüdische Flüchtlinge gefährden, versäumt es Israel, laut Keine Arbeit, keine Hoffnung, kein aus den arabischen Ländern voll und deutlich von Ägypten das ein-Wohlstand, geschlossene Grenzen. integriert hat, ergeht es den vertrie- zufordern, was die Weltöffentlichkeit Grenzen? Plural? Richtig! Die Gren- benen Palästinensern in den Auto- permanent von Israel verlangt, näm- ze nach Israel und die nach Ägyp- nomiegebieten wie ihren Vorvätern: lich die Öffnung der Grenze – und ten. Die pflegt man angesichts der Sie werden in entwürdigender Hilf- zwar nach Ägypten. herbeifantasierten Dimension Isra- losigkeit gehalten. UN-Hilfsorgani- Mit Hilfe der Petrodollars und els – das de facto so „groß" ist wie sationen ernähren sie, aber nicht durchaus auch mit der Unterstüt-Niederösterreich – nämlich gerne zu die arabischen Brüder auf der ägyp- zung Israels könnte ein zweites Sin- tischen Seite der Grenze. Warum ei- gapur im Nahen Osten entstehen, der Aufbau von Infrastruktur für Als Gaza von 1948 bis 1967 un- Anfänglich war Ägypten daran in- die Gaza-Bewohner sowie ein reger ter ägyptischer Verwaltung stand, teressiert, diese unglücklichen Men- Wirtschaftsaustausch unter zwei hatten die dort lebenden Palästinen- schen klein zu halten. Damals war verwandten Kulturen. Das Geld, das ser nicht einmal staatsbürgerliche das nützlich, als ein Fanal, ein gera- derzeit für Waffen verpulvert wird, Rechte. Umgekehrt, als die Grenze dezu genialer Marketing-Coup, um würde den irregeleiteten Menschen des Gazastreifens nach Israel in den der Welt zu signalisieren: Was hier im Gazastreifen eine Zukunft ermög-1990er Jahren geöffnet wurde, konn- geschieht, kann nur durch Rückero- lichen. Dann hätten auch sie etwas te man eine deutliche wirtschaftliche berung und Krieg gelöst werden. In- zu verlieren, und das wäre die beste Erholung feststellen. Israel ist, wenn zwischen haben die Ägypter ein viel Hemmschwelle gegen sinnlose Ge-man es nicht gerade mit Raketen be- weiter reichendes Problem. Die Ha- 1 ·2009 nu 53
DAJGEZZEN UND CHOCHMEZZEN*
FOTO: PETER RIGAUD FOTO: PETER RIGAUD Javor: In meinem nächsten Leben werde andere Beamte haben. Die Polizei zum Regierung zu wenig unternimmt?
ich Melamet.
Beispiel. Die sind damit konfrontiert, dass Javor: Wenn man das mit anderen Län-
Menasse: Im nächsten Leben werden die dunkelhäutigen Menschen, die ja dern vergleicht, ist es wirklich nur wenig.
alle Menschen Lehrer werden wollen. Ist bekanntlich allesamt Drogenhändler sind,
Der bolivianische Präsident Evo Morales ja, wie wir jetzt erfahren haben, a klasse nebenbei auch noch in der Internationa- hat es in Wien bei der UNO-Drogenkonfe- Hockn. Aber ausgerechnet du? Du gehst len Schule unterrichten.
renz vorgemacht, wie man die heimischen doch ohnehin täglich bereits um elf Uhr Menasse: Es kommt noch ärger. Irgend-
Produkte bewirbt. Er hat Kokablätter aus dem Geschäft.
wer in der Polizeispitze ist jetzt draufge- gekaut und genussvoll festgestellt, dass es Javor: Ja, aber dafür komme ich schon um
kommen, dass es auch weiße Drogen- sich um keine Droge handle, sondern um zehn. Und über das Jahr gerechnet arbeite händler gibt. Was das für eine logistische ein Genussmittel mit jahrehundertelanger ich, genau wie die österreichischen Lehrer, Herausforderung darstellt. Bisher ging das mindestens achtzig Wochenstunden. Da doch so einfach. Schwarzer Mann, Knüp- Menasse: Und du meinst, unsere Staats-
zähle ich die Vorbereitung für meine Ver- pel raus und auf ihn mit Karacho. Und am spitze hätte dort demonstrativ ein Achtel handlungen noch gar nicht mit dazu.
nächsten Tag eine Jubelmeldung in der kippen sollen? Faymann einen einfachen Krone. Aber jetzt muss man auch noch Roten, Pröll einen Pinot Noir und der Menasse: Mir kommen die Tränen. So wie
Einheimische kontrollieren. Da muss eine Heinz Fischer einen milden Rosé.
ich wegen der Lehrer schon die ganze Zeit weinen muss. Die Ministerin behandelt sie Javor: Ja, so ist es. Unsere Politiker versa-
ja echt brutal. Zwei ganze Stunden mehr Javor: Apropos Krone. Hast du gelesen, gen durch die Bank.
in der Klasse, das muss förmlich zu Klas- dass Hans Dichand täglich mehrere Stun- Menasse: Gut, dass du die Banken
senkampf führen.
den sitzt, um die Leserbriefe auszuwerten erwähnst. Ich wollte dich ohnehin fragen, Javor: Andere Berufsgruppen haben es da
und die besten auszuwählen.
wie es dir als Unternehmer geht, wenn leichter. Die werden gekündigt und müs- Menasse: Na so was. Die Leute sagen das Bankgeheimnis aufgehoben wird?
sen überhaupt nicht mehr arbeiten. Wenn doch immer, er schreibt sie selber. Wie soll Javor: Das wäre allerdings wirklich die rei-
sie auch noch selber Eltern von Schul- ich mir das vorstellen? Er schreibt einen ne Katastrophe.
kindern sind, haben sie klarerweise beson- Haufen Briefe und sucht dann die besten Menasse: Warum das? Hast du schwarzes
ders viel Verständnis für die Lehrer.
Menasse: Was redest du von Kindern? Javor: Dass er sie selber schreibt, ist ein-
Javor: Nein, ein solches Geheimnis mei-
Diese Außenseiter haben in der Schul- fach eine Verleumdung. Es ist reiner Zufall, ne ich nicht. Das wirklich dramatische diskussion nichts verloren. Oder hast du dass die Briefe immer dieselbe Position Geheimnis ist, dass die österreichischen einen einzigen Lehrervertreter getroffen, vertreten wie der Herausgeber. Banken gar kein Geld mehr haben.
der über die Schüler geredet hätte? Menasse: Das ist tatsächlich ein har-
Menasse: Ja hallo, wo sind denn meine
Javor: Stimmt. Deswegen wollen die Leh-
ter Job, das mit den Leserbriefen. Ich Ersparnisse? rer ja nicht länger in die Klassen. Dort sitze oft wochenlang, um die NU-Leser- Menasse: Dieses Bankgeheimnis musst du
befinden sich ja die jugendlichen Stören- briefe durchzuschauen. Mein Hauptprob- dir selber lüften.
friede, also quasi die natürlichen Feinde lem dabei ist, dass es welche gibt, die in Menasse: O.K., dann übernehme ich
des Pädagogen.
seltsamen Zeichen von rechts nach links heute die Rechnung. Herr Ober, bitte Menasse: Das ist wie bei den Verkehrs-
geschrieben sind. betrieben. Wenn nicht bei den Stationen Javor: Wo ist da das Problem? Du bist
immer die Beförderungsfälle ein- und aus-
doch ohnehin Legastheniker.
* dajgezzen: sich auf hohem Niveau Sor- steigen wollten, würde der Fahrplan viel Menasse: Weißt du, dass wir im NU noch
gen machen; chochmezzen: alles so ver- besser eingehalten werden können.
kein Wort über die Krise geschrieben komplizieren, dass niemand – einschließ- Javor: Ja, und die Schwierigkeiten, die haben. Findest du nicht auch, dass unsere
lich einem selbst – sich mehr auskennt. n 1·2009 u 55
P.b.b. • Verlagspostamt 1010 Wien • Zulassungsnr.: 02Z033113M Impressum:Herausgeber und Medieninhaber:Arbeitsgemeinschaft jüdisches Forum, 1011 Wien, Rotenturmstraße 23, Postfach 1479Internet: www.nunu.at, E-Mail: office@nunu.at, Fax: +43/1/531 77-583Bank Austria (BLZ 12000), Kto.-Nr. 08573 923 300. IBAN = AT78 1100 0085 7392 3300, BIC = BKAUATWW Sie sind an einem NU-Abonnement interessiert? Dann wenden Sie sich doch bitte schriftlich an die Arbeitsgemeinschaft jüdisches Forum, 1011 Wien, Postfach 1479. Oder Sie bestellen Ihr Abonnement per Mail an office@nunu.at bzw. telefonisch bei Anton Schimany unter +43/1/531 77-290 bzw. 0664/300 77 06 oder per Fax unter +43/1/531 77-583. Der Jahres-Abo-Preis (vier Hefte) bei Postzustellung im Inland beträgt 10 Euro, innerhalb der Europäischen Union 15 Euro, außerhalb Europas 20 Euro. NU ist zudem in den Buchhandlungen Herder, Wollzeile 33, 1010 Wien, und Anna Jeller, Margaretenstraße 35, 1040 Wien, zu erwerben.
Redaktion und Mitarbeiter dieser Ausgabe:Stefan Apfl, Irene Brickner, Martin Engelberg, Eric Frey, Jacqueline Godany (Fotos), Nina Horaczek, Erwin Javor, Michael Kerbler, Richard Kienzl (Art Direktion), Christian Kollmann, Margaretha Kopeinig, Helen Liesl Krag, Mary Kreutzer, Michael Laczynski, Danny Leder, Sophie Lillie, Helene Maimann, Cornelia Mayrbäurl, Eva Menasse (Berlin), Peter Menasse (Chefredakteur), Berthold Molden, Fritz Neumann, Rita Newman (Fotos), Rainer Nowak, Christian Ortner, Anita Pollak, Axel Reiserer (London), Peter Rigaud (Fotos), Hanna Ronzheimer, Thomas Schmidinger, Katja Sindemann, Danielle Spera, Michaela Spiegel (Paris), Regina Strassegger, Petra Stuiber, Barbara Tóth (Chefin vom Dienst), Thomas Tren-kler, Herbert Voglmayr, Anna-Maria Wallner.
Satz & Layout:Wiener Zeitung GmbH, Wiedner Gürtel 10, 1040 Wien www.wienerzeitung.at Druck:Leykam Druck GmbH&CoKG, 7201 Neudörfl, Bickfordstraße 21 Offenlegung gemäß Mediengesetz: Herausgeber: Verein Arbeitsgemeinschaft jüdisches Forum mit Sitz in 1011 Wien, Rotenturmstraße 23, Postfach 1479. Obmann: Johann Adler, Schriftführer: Martin Engelberg, Kassier: Erwin Javor.
Grundsätzliche Richtung: NU ist ein Informationsmagazin für Juden in Österreich und für ihnen nahestehende, an jüdischen Fragen interessierte Menschen. NU will den demokratischen Diskurs fördern.
Die ganze Welt ist NU. Ein Beispiel? Nu, bitte:A, vergnügt: „Nu?" („Wie geht es dir?")B, resigniert: „Nu." („Es ist mir schon besser gegangen.")A, erstaunt: „Nu?" („Na geh, sag, was ist denn?")B, abwehrend: „Nu!" („Es geht mir halt nicht so gut, aber mehr ist dazu nicht zu sagen.")A, akzeptierend: „Nu." („Okay, wenn du nicht darüber reden willst, lasse ich dich in Ruhe.")

Source: http://nunu.at/wp-content/uploads/2014/09/NU35.pdf

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Pharmacy Update Quarterly News Letter Volume 2 , Issue 2 Winter 2012 Inside This Issue Special PDL Update Edition Annual PDL Review MS Medicaid Moves to Annual Beginning in Fall 2012, the Division of There were a number of changes to PDL Review Medicaid's (DOM) Preferred Drug List,

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"Farmacología kinésica deportiva" Cátedra Kinesiología Deportiva Encargado de enseñanza Dr. Mastrángelo, Jorge Lic. Spinetta, Daniel Integrantes Balzi, Brenda Bettini, Florencia Ferraris, Juan Manuel Fortuondo, María Emilce Gómez, Vanina Guisasola, Pablo L'Afflitto, Mariana Micó, Gustavo Vazquez, Lorena Vignolo, Florencia